Neues Erkenntnisse zum Stand der deutschen Einheit

von KLAUS KELLE

Sie müssen sich den Bahnhof von Bad Blankenburg ungefähr so vorstellen wie den in der Eingangssequenz des Films „Spiel mir das Lied vom Tod“… nur mit Sonne. Heute Morgen dichter Nebel über der thüringischen Provinz, man ahnt nur, dass irgendwo hinter der grauen Wand noch etwas sein muss, vielleicht sogar Zivilisation.

Da auf den zwei…nennen wir es Bahnsteigen kein Fahrkartenautomat zu finden ist, spreche ich einen jungen Mann in Sprachweite an, einer von insgesamt vier Männern, die hier scheinbar auf den Zug nach Erfurt warten. Wo ich denn ein Ticket für die Fahrt erwerben könne, will ich wissen und erfahre: „Hier gibt es schon seit Jahren keine Automaten mehr.“ Als die Deutsche Bahn abgezogen sei, habe sie auch ihre Automaten mitgenommen. Nun fahre hier nur noch die Süd-Thüringen-Bahn, ein sogenannter Regionalzug. Die hätten einen Automaten im Triebwagen, den man allerdings aber nur mit Bargeld bedienen könne. Ein zweiter junger Mann kommt zu uns und fragt, wann denn wohl ein Zug komme. Beide waren seit 8.15 Uhr da, um mit der Regionalbahn um 8.21 Uhr nach Erfurt zu fahren. Doch der Zug sei nicht gekommen, einfach so. Auch der eigentlich fällige Zug in Gegenrichtung sei nicht gekommen, es habe aber auch keine Durchsage gegeben, obwohl es einen kleinen grauen Lautsprecher gibt. Die beiden anderen Männer im Hintergrund mit leicht heruntergekommener Bekleidung sagen nichts und starren weiter in den Nebel. „Wir erleben gerade einen der vier Hauptfeinde des Sozialismus“, sagt der neben mir „…den Herbst.“

Wir alle warten nun auf den Zug um 9.21 Uhr. Mein Leidensgenossene neben mit sagt: „Wenn der auch nicht kommt, dann rufe ich meine Frau an.“ Der andere: „Meine Tochter wartet an Erfurt am Bahnhof auf mich, aber ich hab mein Handy nicht dabei.“

Der erste meiner Gesprächspartner, so um die 40 mit Wollmütze, Typ Rüdiger Hoffmann, vertieft sich wieder in sein abgewetztes Buch. „Entschuldigen Sie, darf ich fragen, was sie da lesen“, spreche ich ihn an und er zeigt mir den Titel „Einführung in die marxistisch-leninistische Philosophie“, ein Staatsbürgerkunde-Schulbuch aus der DDR von 1983. „Träumen Sie noch immer von der guten alten Zeit“, will ich von ihm wissen, doch er erfüllt das Klischee nicht. „Ich bin Chefarzt und komme aus Soest“ erzählt er und erinnert mich in seinem Sprachfluß unwillkührlich wieder an den Kabarettisten Rüdiger Hoffmann aus Paderborn. Das ist nicht weit entfernt von Soest im Sauerland und ich bekenne: „Ich stamme aus Lippe, auch aus Ostwestfalen. Schon irre, dass wir uns hier im Nebel auf einem Bahnhof ohne Fahrkartenautomat kennenlernen.“ Er sagt, ich solle mir wegen der Fahrkarte keine Sorgen machen. „Die kontrollieren hier nie.“

20.19 Uhr, die Männer um mich herum greifen nach ihren Taschen und Rucksäcken. „Vielleicht kommt ja jetzt ein Zug, da muss ich vorbereitet sein“, sagt einer. Mehr Defätismus geht nicht… Der Zug kommt, bzw. das was man hier für einen Zug hält: ein Triebwagen. Der ist überfüllt, aber mein neuer Freund und ich quetschen uns auf zwei Sitze gegenüber fremdländisch aussehenden Neubürgern, die man auch hier in großer Zahl trifft. Ich erzähle, dass ich am Abend zuvor bei einer christlichen Konferenz in Bad Blankenburg gewesen sei, das wichtigste Zentrum der Evangelikalen in Deutschland.

Auf der andere Seite des Ganges in unserem Triebwagen (schönes Wort eigentlich) sitzt ein junger Mann, der recht müde aussieht mit einer 500-Gramm-Plastikdose mit türkischem Naturjoghurt. er schaut zu mir rüber, schaut auf sein Smartphone, wieder zu mir, wieder auf sein Smartphone und sagt dann „Klaus…?“ Ich überlege kurz, ob ich tatsächlich so heiße, denn ich habe ihn noch nie zuvor getroffen. Nachdem ich zögernd genickt habe – man weiß ja nie – stellt er sich als Ralf, ein Facebook-Freund vor. Als er seinen vollen Namen nennt, weiß ich tatsächlich wer er ist, er postet viel und ich erinnere mich, dass er ein sympathischer Typ ist. Ich freue mich wirklich, dass wir uns mal persönlich kennenlernen, auch wenn es fahrend in einem übervollen Triebwagen ist. Der Zug hält, Ralf steigt aus, er ist DJ und kommt von der Schicht im vermutlich einzigen Club von Bad Blankenburg. Wir verabschieden uns herzlich, guter Typ. „Hier gibt es eine Pizzeria, aber die Pizza schmeckt nicht…“, sagt mein neuer Freund aus Soest neben mir. Diese Fahrt werde ich nie vergessen, wir lachen viel. „Aber es gibt hier eine Eisdiele, die ist sehr gut. Wenn Sie mal wieder hier sind…“ Ich halte das für unwahrscheinlich. Bis Erfurt erzählt er mir Geschichten aus dem real existierenden Osten, der ja nun eigentlich der Westen ist. Auch in Erfurt gibt es eine gute Eisdiele, die ich mal besuchen soll. „Riva“ heißt die, und die Chefin dort könne noch viel launigere Anekdoten erzählen als er. Also wenn ich mal wieder in der Nähe sei… Wir sind fast in Erfurt, von dort geht es rüber. Einen kurzen Blick darf ich noch wagen in das Buch meines amüsanten Gesprächspartners. Ich lese „Der dialektische und historische Materialismus – untrennbarer Bestandteil der Weltanschauung der Arbeiterklasse…“ Ja, so ist das wohl hier…

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Dieser Artikel wurde 14 mal kommentiert

  1. Andreas Schneider Antworten

    Ich habe in den „Neuen Ländern“ nur selten zu tun. Dennoch verspüre ich bei der Ankunft an der Ostausfahrt des Heidkopf-Tunnels immer wieder, wie sehr mich meine ersten 3 Lebensjahrzehnte geprägt haben. „Irgendwas“ ist anders, wohl mehr eine Frage verborgener Emotionen denn nachvollziehbarer Fakten. Mein Blick auf die Umgebung nimmt die Eindrücke in anderer Weise wahr, als dies bei meiner ggf. mitfahrenden Begleitung der Fall ist.

    Es wird wohl noch lange dauern, bis die Narben der deutschen Teilung tatsächlich verheilt sind. Und ganz gewiß steht es mir als „Wessi“ nicht zu, mit dem Finger auf „die da drüben“ zu zeigen. Es ist letztlich dieses Gefühl, das der Beitrag treffend widerspiegelt. Bin ich vielleicht einfach schon zu alt?

  2. Alexander Droste Antworten

    Man kann mit der DB von Düsseldorf über Eisenach und Erfurt mit dem ICE fahren. Sicherlich sind hier aber die Anekdoten kürzer.
    In meinen drei Jahren in Eisenach ging es aber etwas lebenslustiger zu. Die Ossis werden merkwürdiger weise immer noch mit der Wessibrille beäugt. Andrsrum allerdings auch aber mit einer anderen Farbe: Die Wessis sind hochnäsig, heißt es. Andersrum sollen die Ossis antriebsschwach sein.
    Egal, ich habe nur nette Leute kennen gelernt. Und trübe Stimmung wie am Bahnsteig in Bad Blankenburg finden wir mit Sicherheit auch z.B. im Ruhrpott oder in der Oberpfalz. Und was die Bahn anbelangt, …

    • Alexander Droste Antworten

      Gerade um die Zeit September/Oktober ist es in Thüringen besonders schön. Es ist noch warm, Frühdunst weicht bald einem warmen Sonnenlicht und das Herbstlaub an den Bäumen ist schon sehr farbenfroh. Es erinnerte mich oft an den „Septembermorgen“ von Eduard Mörike:

      Im Nebel ruhet noch die Welt
      Noch träumen Wald und Wiesen;
      Bald siehst du, wenn der Nebel fällt
      Den blauen Himmel unverstellt
      Herbstkräftig die gedämpfte Welt
      Im warmen Golde fließen.

      Was würde Mörike wohl zur Bahnsituation schreiben?

      • Alexander Droste Antworten

        Schade, dass man geschriebenes nicht mehr ändern kann, wenn es einmal weggeschickt ist. Mir ist aufgefallen, dass ich das Gedicht nicht ganz richtig zitiert habe. Der Nebel im dritten Vers muss Schleier heißen.

  3. S v B Antworten

    Sie haben aber auch wirklich einen miesen Tag erwischt, lieber Herr Kelle. Und die gibt es hüben wie drüben, glauben Sie mir. Vielleicht reisen Sie nochmal bei besserem Wetter.

    Auf meinen Ostdeutschlandreisen habe auch ich immer gespürt, dass irgendwas anders zu sein schien. So richtig greifen konnte ich diesen Unterschied jedoch nie. Ich bin für mein Leben gerne im östlichen Teil Deutschlands unterwegs und komme ebenso gerne mit den Menschen dort ins Gespräch. Dabei habe ich stets den Eindruck gewonnen, dass die Leute dort im allgemeinen noch eine bessere Bodenhaftung haben als im Westen, dass sie irgendwie ehrlicher „rüberkommen“ und auf große Umschweife verzichten. Auf mich wirken die Menschen meist „erfrischend natürlich“. Das alles gefällt mir gut. Die Überheblichkeit, mit denen man unseren „Ossis“ hier in Westdeutschland bisweilen begegnet, ist absolut ungerechtfertigt, ergo (sau-)dumm. Wie heißt es doch gleich? Dummheit und Stolz….

    Selbstverständlich liebe ich die vielen liebevoll restaurierten, geschichtsträchtigen Orte, die herausragenden Kulturdenkmäler wie auch die wunderschönen Landschaften des Ostens. Wie oft durfte ich „drüben“ schon auf den Spuren berühmter Persönlichkeiten aus Geschichte und Kultur wandeln! Wie Sie erkennen, ist meine große Freude über die Wiedervereinigung ungebrochen; sie wird sicher auch niemals nachlassen. Vielleicht würde ich ja sogar einen Umzug an ein schönes ostdeutsches Fleckchen in Erwägung ziehen, WENN, ja wenn ich meine meine geliebten Alpen dorthin mitnehmen könnte.

    • Klaus Kelle Antworten

      Liebe S v B,

      haben Sie das so negativ verstanden? Ich finde Thüringen großartig, bin oft dort, habe Freunde dort und wollte mal aus dem erlebten ein Sittenbild zeichnen, wie man es sicher auch in Freiburg oder Flensburg schreiben könnte….

      • S v B Antworten

        Übrigens: nicht nur Thüringen ist ein großartiges ostdeutsches Land, lieber Herr Kelle. Darauf möchte ich, der Vollständigkeit halber, unbedingt noch hinweisen.
        Ich oute mich also nochmals als Ganz-Ostdeutschland-Fan.

  4. Marie Antworten

    Lieber Herr Kelle, ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, daß Sie an diesem nebligen Tag vielleicht, wie sagt man so schön, mit dem linken Bein aufgestanden sind. Doch die Schilderung des Chefarztes mit dem Stabü ( ja, das ist Ossi-speech)-Lehrbuch von 1983 in der Hand läßt mich schmunzeln. Haben Sie nicht nachgefragt, warum ein Mann wie er sich diese „Weltliteratur“ antut? Bei einem Wessi und noch dazu Chefarzt hätte ich jetzt mindestens Shakespeare vermutet. Aber um auf Ihre Eindrücke bezüglich der Deutschen Einheit zurückzukommen, mir erging es ganz ähnlich vor fast 28 Jahren. Es war ein trister, grauer Novembertag 1989. Nur ging ich damals über den Jungfernstieg in Hamburg und sah dem Elend in die Augen. Zum ersten Mal kam ich mit am Boden hockenden Obdachlosen in Kontakt. Es war ein grauenhafter und zugleich berührender Anblick und ich glaube, das hat sich bis heute nicht geändert. Wie sagte Karl Marx doch so treffend: Das ist der stinkende, faule, parasitäre Kapitalismus. Der nun leider auch bei uns Ossis Einzug gehalten hat.

  5. Wener Meier Antworten

    Diese trostlose „Bahnatmosphäre“ ist leider überall in Deutschland abseits der größeren Städte anzutreffen. Egal, ob in Thüringen, Hessen oder in Bayern. Da grenzt es schon an eine Sensation, wenn man leibhaftigen Bahnmitarbeitern begegnet, wenn sie auch meistens „nicht zuständig“ oder erst nach Absolvieren der „Fanschlange“ und manchmal sogar eines „Servicezuschlags“ am Schalter ansprechbar sind. Mehdorn legt sich immer noch wie Mehltau über unsere Infrastruktur. Dabei sprudeln doch nach wie vor Steuermilliarden für die „Verbesserung der Infrastruktur“, um die sich eigentlich das Unternehmen selbst kümmern müßte. Wie kann das sein?

    • S v B Antworten

      Unzählige Bahnhöfe im wirtschaftlich doch so erfolgreichen Westdeutschland befinden sich in einem dermaßen erbarmungswürdigen Zustand, dass man sich insbesondere in Gegenwart ausländischer Reisender in Grund und Boden schämen muss. Die Abermillionen, ja Milliarden, die z. B. in das Prestigeprojekt Stuttgart 21 hineingepumpt werden, müssen an anderer Stelle natürlich fehlen. Dabei werden die Qualitätsunterschiede zwischen Bahnhöfen stets größer, wie mir scheint. Hier hui, dort pfui. Es ist offensichtlich, dass man sich beim Management der Bahn schon seit längerem nur für die „bahnhöflichen“ Belange der großen deutschen Städte einsetzt. Die kleineren und kleinsten Bahnhöfe hingegen bleiben dabei im wahrsten Sinne des Wortes auf der Strecke. Mit ihnen ist schließlich auch kein Staat zu machen.

  6. Tina Hansen Antworten

    Danke für das schön geschriebene Stimmungsbild, es muss ja nicht immer harte Politik sein! Bahn-Anekdoten kann auch ich beitragen, auch aus dem Westen. Zum Beispiel von dem neulich außerplanmäßig in Lüneburg haltenden ICE von Hamburg nach München. Nachdem wir Fahrgäste einige Minuten gedankenverloren aus den Fenstern gestarrt hatten, meldete sich die frustriert klingende Stimme der Schaffnerin ueber Lautsprecher: „Aufgrund einer technischen Störung wird unser Zug für einen unabsehbar langen Zeitraum außerplanmäßig hier in Lüneburg halten. Wir geben jetzt die Türen frei, damit Sie sich ein wenig die Beine vertreten können, wenn Sie möchten.“ Resigniertes Seufzen im Abteil – unabsehbar lange lässt Böses ahnen. Eine Völkerwanderung setzt sich in Bewegung. Auf dem Bahnsteig flammen Feuerzeuge auf, die Leute rauchen, steuern das örtliche amerikanische Schnellrestaurant oder den kleinen Bäcker an, um sich mit Proviant für den unabsehbar langen Zeitraum einzudecken. Der Mann hinter mir sagt per Handy vorsorglich schon mal seinen Termin in Hannover ab. Ich überlege gerade, mir einen Kaffee zu holen, der bei dem kleinen Bäcker besser und preiswerter ist als im Bordbistro, da meldet sich froh unsere Schaffnerin mit der guten Botschaft, dass wir unsere Fahrt nun fortsetzen würden. Und „nun“ ist durchaus wörtlich zu nehmen – keine Minute später fahren wir an. Das durch den insgesamt nicht einmal zehnminuetigen Aufenthalt entstandene Chaos hat zu meiner großen Verwunderung den Weg in die Medien nicht geschafft. Völlig unverdient, wie ich finde.

    • S v B Antworten

      Na, liebe Tina Hansen, da drängt sich mir doch sogleich der Verdacht auf, dass gar der „kleine Bäcker“ in Laufweite des Zuges dahinterstecken könnte, der (corriger la fortune) mit einem kleinen, wie auch immer gearteten, Trick auf das Geschehen Einfluss genommen hat. Wie Sie gleich merken werden, ist mein Verdacht gar nicht einmal so weit her geholt: in anderen Ländern hat es Vergleichbares schon mit auf der Straße ausgestreuten, garstigen Eisennägeln gegeben, die unweigerlich zu Reifenpannen führten. Auf diese Weise konnte man die Autofahrer zu einem längeren Stopp zwingen. Da weit und breit allerdings keine Imbiss-Stube auszumachen war, diente dieser Stopp anderen Vorhaben. Für letzteres verbürge ich mich, ersteres bitte unter „Ironie“ verbuchen. Lb Gr

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