Ben Berndts „ungescriptet“ mit Höcke – was hat das mit Wolf Biermann und der „Brandmauer“ von Merz zu tun?

Ich hoffe sehr, dass sich irgendjemand im Konrad-Adenauer-Haus in Berlin, der CDU-Bundesgeschäftsstelle, den Podcast von Ben Berndt mit dem AfD-Politiker Björn Höcke angeschaut und am besten noch darüber nachgedacht hat. Drei Millionen Aufrufe verzeichnete „ungescripted“ und hatte damit eine Reichweite, von der viele klassische Mainstreammedien nicht einmal mehr zu träumen wagen.

Hat Höcke irgendetwas Sensationelles gesagt, etwas Unerwartetes?

Nein, natürlich nicht. Er sagt, was er halt immer sagt. Nicht der Politiker und seine Botschaft haben diesen Hype ausgelöst, sondern einzig und allein die Tatsache, dass mal jemand den Mann ausführlich zu Wort kommen lässt.

„Was verboten ist, das macht uns gerade scharf“, sang einst der systemkritische DDR-Liedermacher Wolf Biermann in den 60er Jahren gegen das sozialistische Mauerregime an. Mit dem gleichnamigen Lied wollte er mit dem Reiz des Verbotenen spielen und die Zensur in der DDR kritisieren. Denn: „Keiner tut gern nur das, was er tun darf!“

Mit Höcke spricht keiner gern im Mainstream, und wenn man doch mal muss, „Sommerinterview“ auf MDR oder so, dann fragt man politisch höchst korrekt das Erwartbare. Und kramt alte Zitate raus und belehrt und was weiß ich noch alles. Bloß nicht echtes Interesse zeigen!

Das ist aber der Punkt: Das Publikum merkt, dass es bei öffentlich-rechtlichen Interviews mit dem rechten Flügelmann der rechten AfD eben nicht darum geht, ihn kennenzulernen und zu verstehen, der vielleicht demnächst einmal Ministerpräsident in Thüringen werden wird. Es geht darum, ihn schlecht aussehen, am liebsten als unverbesserlichen Nazi dastehen zu lassen.

Und genau das funktioniert einfach nicht

Erstens, weil Höcke kein Nazi ist, zweitens, weil er klug seine Gedanken zu formulieren vermag und drittens, weil mäßig begabte Staatsfunker schon mal gar nicht zu so einer vermeintlichen Entzauberung in der Lage sind.

Die Älteren werden sich erinnern, als Thomas Gottschalk im November 1992 wagte, den Republikaner-Chef Franz Schönhuber in die RTL-Sendung „Gottschalk Late Night“ einzuladen. Auch er wollte den rechten Politiker entzaubern, und auch Thommy, wirklich ein Ausnahmetalent, scheiterte grandios.

Der „Spiegel“ schrieb danach von einem „blamablen Absturz“ Gottschalks. Immerhin räumte der danach selbst ein, „zu naiv“ gewesen zu sein. Weil einfach Profi-Politiker keine dummen Hirnis, sondern in der Regel argumentationssichere Top-Rhetoriker sind, die Ahnung von ihrer Materie haben. Da ist mit flachen Witzchen und Gelaber kein Blumentopf zu gewinnen.

Das „Produkt“ des Höcke-Gesprächs bei „ungescripted“ sei weniger das Gespräch als die „provozierte Aufmerksamkeit“ gewesen, befand der Journalist Hardy Prothmann, nachdem er den Podcast angehört hatte.

„WAS VERBOTEN IST, DAS MACHT UNS GERADE SCHARF“

Das ist der passende Satz dazu, und damit komme ich zum Konrad-Adenauer-Haus zurück.

Ihr habt dort sicher gehofft, das Phänomen AfD erledige sich irgendwann von selbst – so wie die Republikaner auch und später all die Versuche mit Schill-Partei, WerteUnion und Bündnis Deutschland.

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Aber das ist nicht so. Die AfD ist eine ganz andere Nummer. Und sie hat nicht nur ein paar taube Nüsse unter ihrem Personal, wie das in jeder Partei zu finden ist. Sie haben auch richtig gute Leute darunter, und die sagen vieles, was die Menschen als richtig empfinden, selbst wenn sie Herrn Höcke nicht wählen würden.

Als die SED nach der Wende wieder in die Parlamente einzog, hieß es dann irgendwann von links: Man müsse mit denen ins Gespräch kommen und sie „einbinden“, damit sie „entzaubert“ würden. Und so machten sie es, bezogen Honeckers Erben sogar in Landesregierungen mit ein.

Und die Zottelbärte mit Sonnenblumen, die zu Beginn die Grünen repräsentierten, wurden irgendwann zur „Pizzaconnection“ beim Edelitaliener gebeten. Und sie wurden eine einflussreiche politische Kraft in Deutschland.

Genau das ist der eigentliche Grund für die Merzsche „Brandmauer“

Sie wissen in der CDU (und CSU), dass sie ohne die AfD keinen Politikwechsel hinbekommen, und wenn sie weiter diesen idiotischen Blockadekurs fahren, sie die AfD damit auch noch immer stärker machen.

Die AfD muss endlich als normaler politischer Faktor aufs Spielfeld gelassen werden. Esst Pizza mit denen, ladet sie ins Fernsehen zum Streitgespräch ein und behandelt sie anständig. Dann werden wir sehen, ob sie Deutschland weiterbringen oder eine Luftnummer sind. Aber so wie jetzt, das ist einfach nur noch lächerlich…