GASTSPIEL BERNHARD KNAPSTEIN: Zum 50. Todestag des ehemaligen politischen Häftlings und Fluchthelfers Michael Gartenschläger

Es beginnt nicht mit einem Paukenschlag, sondern mit einem Jungen, der nicht hineinpasst. Michael Gartenschläger wächst in einem Staat auf, der Gehorsam verlangt und Abweichung bestraft. Nicht Hitlers Reich, sondern das antifaschistische Gegenmodell, die Deutsche Demokratische Republik ist seine grausame Heimat. Für Menschen wie ihn fühlt sie sich der aufoktroyierte Sozialismus früh wie ein Käfig an. Und der 1944 in Strausberg bei Berlin geborene Gartenschläger ist keiner, der sich fügt, sondern einer, der fragt. Einer, der nicht schweigt.

Und genau das macht ihn gefährlich

Er schließt sich den Protesten gegen den Mauerbau an und wird mit gerade 17 Jahren wegen staatsgefährdenden Propaganda, Hetze und Subversion in einem Schauprozess zu einer lebenslangen Zuchthausstrafe verurteilt. Im Jugendgefängnis Torgau verdichtet sich alles, was dieser Staat mit Unangepassten macht: Hunger, Disziplin, Druck, Demütigung. Mauern, die nicht nur aus Beton bestehen, sondern aus purer Angst. Doch Gartenschläger denkt nicht daran, sich brechen zu lassen.

Als seine Mutter 1966 stirbt, wird ihm die Teilnähme an der Bestattung verwehrt. Er wird in der Folgezeit aufsässig. Den letzten Rest an Rückhaltung legt er ab, als zu Heiligabend der gesamte Knast durchgefilzt wird und auch die letzten Habseligkeiten und persönlichen Dinge einkassiert werden.

1969 startet er den ersten Fluchtversuch, indem er sich in einer Metallkiste versteckt.

Ein Verrat beendet die Flucht noch innerhalb der Gefängnismauern. Noch im selben Jahr sucht er auf seine Weise die Öffentlichkeit. Er klettert auf den 48 Meter hohen Knastschornstein, ritzt in großen Lettern „Hunger“ in den Backstein – und erreicht, als Bürger Lebensmittel zum Gefängnistor bringen, deutliche Hafterleichterungen.

Zwei Jahre später wird Gartenschläger von der Bundesrepublik freigekauft – ein politischer Handel, der vielen DDR-Gefangenen die Freiheit bringt. Für viele endet hier der Kampf. Für ihn nicht.

Im Westen hätte er verschwinden können

Ein neues Leben beginnen, Abstand gewinnen. Doch das, was er erlebt hat, lässt ihn nicht los. Und vor allem nicht das, was an der Grenze geschieht.

Denn dort, wo die DDR ihre Bürger am Weggehen hindert, steht nicht nur Stacheldraht. Dort stehen Gerätschaften, gebaut, um Menschen zu verletzen, zu töten. Gartenschläger wird vom Westen aus zum Fluchthelfer. Er berät und unterstützt in unzähligen Fällen, sechs Menschen sollen ihre Flucht nur seiner Hilfe verdanken,

Fluchthilfe reicht ihm nicht. Insbesondere die weitgehend unbekannten, weil von der DDR-Führung verleugneten Selbstschussanlagen ziehen seinen Zorn auf sich. Mit einem Freund wagt er sich im März an die Grenze, demontiert eine Selbstschussanlage vom Typ SM-70, verkauft diese mit seiner Vita für beachtliche 12.000 Mark dem „Spiegel“. Und weil es so gut geklappt hat, demontiert er nur drei Wochen darauf eine weitere Anlage, um sie dem Mauermuseum in Berlin als Ansichtsexemplar zu verkaufen.

Gartenschläger will weitermachen, im Mai noch einmal eine Anlage demontieren oder zumindest zerstören.

Doch die Stasi-Hauptabteilung I wird über das Vorhaben durch Spitzel informiert. Ohne Details zu kennen, sichert eine Einsatzkompanie die in Betracht kommenden Grenzpunkte, darunter auch den Bereich zwischen Büchen und Greven, wo die Grenzanlage einen rechtwinkligen Knick macht. Dort steht die Grenzsäule 231.

Gartenschläger kennt das Risiko. Er weiß, dass er nicht nur gegen Technik arbeitet, sondern gegen ein ganzes System – abgesichert durch die Stasi, das jeden Schritt beobachtet.

Trotzdem geht er hinüber, überschreitet die Grenze. Nicht als Flüchtling. Sondern als jemand, der zurückkehrt, um zu zeigen, was dort geschieht. Doch an jenem 30. April 1976 ist die Grenze keine Grenze, sondern eine Falle.

Gartenschläger bewegt sich wie zuvor. Konzentriert. Leise. Routiniert. Vielleicht ahnt er etwas, vielleicht nicht. Sicher ist nur: Er geht trotzdem – und gerät genau zwischen zwei Stasi-Schützen. Ob er zuerst geschossen hat, oder ohne Zuruf unter Feuer genommen worden ist, bleibt unklar.

Kein Zufall. Kein Missverständnis.

Der Auftrag der Heckenschützen lautete: „Festnehmen oder vernichten“

Es ist der gezielte Zugriff auf einen Mann, der zu viel von der Tödlichkeit des DDR-Systems offenbart hat. Gartenschläger stirbt um 23.45 Uhr dort, wo er so oft gewesen ist: zwischen den Systemen, zwischen Kontrolle und Freiheit.

Doch selbst damit endet es nicht. Nach dem Ende der DDR wird sein Fall wieder aufgerollt. Beteiligte Posten vom 30. April 1976 müssen sich verantworten – vor Gerichten. In Akten. In langen, zähen Verfahren. Die Frage steht im Raum: Was war das? Pflichterfüllung? Oder Mord?

Bis 2005 beschäftigt dieser Fall die Justiz. Jahrzehnte nach den Schüssen wird noch gestritten, bewertet, entschieden. Weil es eben nicht nur um einen einzelnen Tod geht – sondern um die Bewertung eines ganzen Systems.

Gartenschläger war kein makelloser Held aus einem Lehrbuch. Er war ein Mensch, der Risiken einging, die andere nicht eingegangen wären. Aber genau darin liegt seine Bedeutung.

Er hat nicht akzeptiert, dass ein Staat seine Bürger einsperrt. Er hat nicht hingenommen, dass tödliche Technik verschwiegen wird. Und er hat gegen das Schweigen darüber gekämpft.

Gartenschlägers Geschichte ist unbequem, weil sie zeigt, was Widerstand kosten kann.

Und weil sie daran erinnert, dass Freiheit nie einfach gegeben ist – sondern immer wieder verteidigt werden muss.