Die stille Rebellion: Warum Bürgerlichkeit das radikalste Projekt unserer Zeit werden könnte
In einer Welt, die jeden Tag ein Stück schriller, lauter und impulsiver wird, in der Algorithmen die Empörung bewirtschaften und die radikale Rhetorik das Samtschwert des Arguments durch den Vorschlaghammer des Ressentiments ersetzt, wirkt ein Begriff seltsam aus der Zeit gefallen: Bürgerlichkeit.
Wer heute von Form, Anstand und Sachlichkeit spricht, erntet oft ein müdes Lächeln oder wird als Ewiggestriger oder schlimmer abgestempelt.
In der hitzigen gesellschaftlichen Debatte um den NATO-Doppelbeschluss griff der frühere SPD-Politiker Oskar Lafontaine seinen Bundeskanzler Helmut Schmidt in einem Interview mit dem stern massiv öffentlich an. Schmidt spreche weiter von Pflichtgefühl Berechenbarkeit, Machbarkeit, Standhaftigkeit. Das aber seien „Sekundärtugenden“, mit denen man auch ein KZ betreiben könne.
Doch bei genauerer Betrachtung ist das Festhalten an diesen Werten und Begriffen heute kein Eskapismus in eine vermeintlich heile Welt von gestern. Es ist ein Akt der Rebellion, vielleicht sogar die letzte verbliebene Form des intellektuellen Widerstands gegen den kollektiven Kontrollverlust.
Ich kenne zwei junge Musiker, die sehr erfolgreich mit christlicher Rap-Musik sind und die manchmal vor Zehntausend tanzenden Teenies auftreten und bei Spotifi amerikanische Rap-Größen mühelos bei den Klickzahlen überholen. Die beiden Jungs („O’Bros“) sind nicht nur sympathisch und musikalische Supertalente, sie sind auch klug. „Eigentlich machen wir doch das, was Rap ausdrücken sollte“, sagte mir einer der Beiden mal, als wir uns in Augsburg zufällig trafen.
Rap-Musik ist in seinem Ursprung Ausdruck einer Kultur des Dagegen-seins, eine Rebellion gegen „das System“, aber auch gegen den gesellschaftlichen Mainstream. „Fast alle Rapper singen das Gleiche, ey, yo, Motherfucker, Bullen, Sex Drogen Gewalt“, erklärt er mir weiter. Nichts mehr von weg vom Mainstream, von Ausbrechen, alles immer das gleiche dem Zeitgeist angepasste langweilige Zeugs.“
Und ich finde, da ist verdammt viel dran
So wie auch der einstige TV-Late Night-Talker Harald Schmidt recht hat, der mal in einem Interview sagte, es sei ja leicht und gefahrlos, Witze über die katholische Kirche zu machen. Die intellektuelle Avantgarde aber müsse sich in solchen Zeiten gerade auf die Seite des Papstes stellen. Das ist verdammt revolutionäres Denken.
Heute bürgerlich zu sein, das wird oft missverstanden. Es ist nicht die Farbe der Gardinen oder das Bausparkonto oder Gartenzwerge auf dem Rasen.
Wahre Bürgerlichkeit ist eine innere Architektur
Sie ist die Fähigkeit, Distanz zu den eigenen Impulsen zu wahren und die Welt nicht als Schauplatz der eigenen Selbstverwirklichung, sondern als einen Raum der Mitverantwortung zu begreifen.
Es ist gewissermaßen die Haltung des „Citoyens“, der weiß, dass Freiheit keine freundliche Gabe eines mildtätigen Staates ist, sondern Freiheit ist erst einmal da.
Oft musste sie mühsam erkämpft werden. In unserer heute hektischen Zeit, in der das „Ich“ alles und das „Wir“ nur noch ein Kampfbegriff ist, wirkt bürgerliche Selbstbescheidung geradezu radikal.
Welche Partei in Deutschland steht heute noch für Bürgerlichkeit, fragte ich vorhin meine KI
Und sie bot mir die CDU, die WerteUnion und die Freien Wähler als Antwort an.
Aber das stimmt nicht.
Auch die alte SPD, die wohlstandverwahrlosten Grünen und – manche erinnern sich – die FDP stehen in großen Teilen für Bürgerlichkeit.
Meine erste große Liebe in der Schule war eine schönes 16-jähriges Mädchen aus einem, ich sage es mal salopp, SPD-Haushalt. Ihre Eltern, unglaublich liebenswerte Menschen, waren SPD-Genossen, sie waren im Sportverein dort in dem Ort aktiv, am Samstag guckte man Fußball in der ARD-„Sportschau“, dann wurde gegrillt und Herforder Pils getrunken, oft kamen Freunde und Nachbarn einfach dazu.
Wer würde diesen Menschen absprechen, dass sie zutiefst bürgerlich sind, auch wenn nicht in der CDU?
Bei der Bewertung der Bürgerlichkeit der politischen Flügelstürmer in Deutschland, ist es zumindest auf der Linken einfach
Die radikale Linke diskreditiert das Bürgerliche oft als bloßes Herrschaftsinstrument.
Wenn Identität über Leistung gestellt wird und die Sprache nicht mehr dem Austausch von Argumenten, sondern der moralischen Erziehung dient, wird das Fundament der bürgerlichen Gesellschaft untergraben. Das war ja die Idee der Aufklärung.
Bürgerlichkeit bedeutet eben, den anderen als ebenbürtiges Individuum zu betrachten, nicht als Repräsentanten einer Gruppe oder „Klasse“. Sie verlangt den Mut zur Sachlichkeit, auch wenn das Gefühl nach lauter Empörung schreit.
Auf der anderen Seite, also der AfD, ist das Maß an Bürgerlichkeit noch nicht final zu bewerten.
Natürlich gibt es den zutiefst bürgerlichen Kern an der Basis der Partei. Unübersehbar, jeder weiß das, der AfD-Leute in der Nachbarschaft oder im Freundeskreis hat.
Aber die Partei hat es bisher nicht geschafft, auch nicht gewollt, die klare Trennlinie zu ziehen zwischen dem im Grunde bürgerlichen Geist der Partei und der radikalen Rechten dort. Die bezeichnen sich zwar auch gern als bürgerlich, aber entkernen den Begriff im gleichen Atemzug schon wieder. Da könnte ich viele Beispiele aus eigenem Erleben hier anführen.
Bürgerlichkeit ist untrennbar mit der Souveränität des Individuums und der Loyalität zum Rechtsstaat verbunden.
Wer jedoch im Namen der Heimat auf das Scheitern der Fußball-Nationalmannschaft hofft, weil ihm die Hautfarbe der Spieler (Nachbar Boateng) oder deren Gesinnung (Regenbogen-Binde) nicht gefällt, wer jahrelang für die Wiedereinführung der Wehrpflicht und starke deutsche Streitkräfte streitet, und das dann aufgibt, weil man Herrn Putin in Moskau nicht beunruhigen will, der ist nicht bürgerlich und übrigens auch nicht patriotisch. Bürgerliche und Patrioten stehen IMMER zu ihrem Vaterland.
Vielleicht wirkt Bürgerlichkeit auf viele Menschen so „langweilig“, weil sie keine einfachen Heilsversprechen bietet.
Bürgerlichkeit ist anspruchsvoll
Sie ist tolerant, sie hält die Komplexität der Welt aus, ohne in Zynismus zu verfallen oder einfachen „Lösungen“ hinterherzulaufen. Sie ist der Versuch, im Sturm nicht mitzuschreien, sondern den Deich zu verstärken.
Bürgerlich zu sein heißt heute: den Laden zusammenzuhalten, wenn alle anderen ihn anzünden wollen. Das gab es schon einmal in den 30er Jahren in Deutschland. Damals versagte das Bürgertum komplett. Wir alle sollten die Fehler von damals nicht noch einmal machen…