Nichts ist im Sport so einzigartig wie eine Fußball-Weltmeisterschaft

Nach dem Spiel ist vor dem Spiel. Der Ball ist rund, und Foul ist, wenn der Schiri pfeift. Nur damit die Gelegenheits-Fußballfans der deutschen Nationalmannschaft mal einige der wichtigsten Kernsätze dieser Sportart gehört haben.

Die Fußball-Weltmeisterschaft hat rasant an Fahrt aufgenommen, auch wenn Deutschland nicht mehr im Turnier ist.

Über das erneute Debakel – das dritte in Folge – ist viel berichtet und kommentiert worden. Ich will Sie nicht mit einer ausführlichen weiteren Einschätzung langweilen, zumal das, was Loddar Matthäus und andere gesagt haben, zu 100 Prozent meiner Meinung entspricht.

Kurz: Julian Nagelsmann war zu jung und zu unreif für die Position eines Nationaltrainers unserer Vier-Sterne-Elf. Seine Personalpolitik ist kaum nachzuvollziehen; die Familientreffen vor Beginn des Turniers haben den Fokus unserer Jungs vom großen Ziel abgelenkt. Wozu ich anmerken möchte, dass „große Ziele“ heute für den DFB erst mal das Überstehen der Vorrunde sind und nicht mehr der Titelgewinn. Aber das ist eine andere Geschichte.

Deutschland ist raus gegen Paraguay – Blamage

Keine ansteckende Spielidee – peinlich.

Keinen Spieler, der, wenn es eng wird, den Unterschied macht, wie ihn Engländer (Kane), Argentinier (Messi) oder Norweger (Haaland) eben haben. So einfach kann das sein mit dem Fußball.

Und jetzt verrate ich Ihnen mal was: Mund abwischen, weiter.

Leider hatte mir das Schicksal – oder sagen wir, der Kardiologe – zwei Wochen im Krankenhaus verordnet, sodass ich genau zu dieser Zeit Muße hatte, stundenlang live Fußball zu gucken, auch zu den Zeiten, die normale Menschen sonst nicht haben.

Die Schweiz gegen Algerien zum Beispiel, Spanien gegen unsere Freunde aus dem Alpenvorland und Portugal gegen Spanien.

Was für ein Spaß es macht, diesen Mannschaften zuzuschauen, oder?

Ich habe auch fasziniert Brasilien gegen Japan zugeschaut (und zu den Japanern gehalten, die leider verloren).

Aber Kampf, Leidenschaft und Spielwitz – wir alle erleben eine fantastische WM.

Und erinnern Sie sich noch an das Genörgel vor dem Start?

Die hohen Ticketpreise, Donald Trump und was weiß ich noch. Und was passiert? Genau! Nix … Die Leute haben Spaß, die ganze Welt ist live dabei.

Im ARD-„Morgenmagazin“ hatten sie vor dem Paraguay-Debakel einen deutschen Fan aus Stuttgart vor der Kamera – da noch in bester Stimmung. Der Mann, vielleicht 35 Jahre jung, aß während des Interviews einen Burger mit Krabbenfleisch und einem Klecks Mayonnaise. Die Moderatorin fragte, was der gekostet habe. 46 Dollar – in Worten: 46 DOLLAR. Für einen Krabbenburger – kennen Sie vielleicht von „Spongebob“. Und wissen Sie was? Der Preis war dem Mann vollkommen egal. Wer sich seinen Lebenstraum erfüllt und seiner Mannschaft in den USA zwei Wochen lang hinterherreist, der weiß, dass ihn das locker 5.000 oder 6.000 Dollar kostet. Aber es ist es ihnen wert.

Wenn alle vier Jahre eine Fußball-Weltmeisterschaft irgendwo stattfindet, dann trifft sich da das ganze globale Dorf zur großen Party.

Länder zelebrieren ihre nationalen Identitäten. Schotten in Kilts ziehen mit Dudelsäcken durch die großen Metropolen in den USA, Mexiko oder Kanada. Die Wikinger aus Norwegen machen uns allen Spaß mit ihrem Dauerrudern und den „Ro!“-Rufen – das ist Norwegisch für „rudern“. Dabei setzen sich Tausende Fans synchron auf den Boden, führen rhythmische Ruderbewegungen nach vorne und hinten aus und brüllen „Ro!“. Selbst im norwegischen Parlament zelebrierten die Abgeordneten ihren Schlachtruf, links, rechts und in der Mitte, weil die nämlich EIN Land sind und gemeinsame Interessen verfolgen.

Stellen Sie sich das mal im Deutschen Bundestag vor!

Fußball-Weltmeisterschaften – da wird mehr für den globalen Frieden getan als in den Vereinten Nationen, und das meine ich wirklich ernst

Kein internationales Sportereignis ist wie dieses. Kein Superbowl, keine Olympiade – und bitte, ich will das nicht abwerten, überhaupt nicht.

Aber der Kampf um die Krone der Fußballwelt, all die Geschichten vom Wunder von Bern, von Sepp Herberger und Helmut Schön – zumindest für uns Jungs gibt es nichts Vergleichbares.

Ich erinnere mich heute noch an „mein“ erstes Fußball-WM-Spiel, natürlich zu Hause vor dem Farbfernseher im Wohnzimmer unseres kleinen Häuschens in Holzhausen-Sylbach. Ein paar Onkel und Nachbarn waren dabei, es gab Flaschenbier (Herforder Pils) und Käsewürfel, und Deutschland spielte – es war der 14. Juni 1970 – im mexikanischen León gegen den amtierenden Weltmeister England. Mit denen hatten wir seit dem Turnier 1966 noch Gravierendes zu klären, wie sich die Älteren von Ihnen erinnern werden.

Nach einer Flanke von Karl-Heinz Schnellinger stand der Hamburger Uwe Seeler mit dem Rücken zum Tor, sprang hoch und verlängerte den Ball mit dem Hinterkopf über den englischen Torwart Peter Bonetti ins Netz. Mit dem Hinterkopf! Nie werde ich das vergessen. Gerd Müller legte später noch einen nach zum 3:2, und die Schmach mit dem „Tor von Wembley“ aus 1966 war ausgeglichen.

Es folgte dann unmittelbar das Jahrhundertspiel der Deutschen gegen Italien im Aztekenstadion vor 100.000 Zuschauern, das für uns 3:4 verloren ging. Allein über dieses Spiel gibt es ganze Bücher.

Fußball ist einzigartig. Fußball ist höchste Ekstase und tiefster Absturz gleichzeitig

Und deshalb: Ja, die Auftritte unserer Mannschaft in Moskau, Katar und zuletzt in den USA waren beschämend für uns Veteranen. Und trotzdem werde ich in vier Jahren wieder im schwarz-rot-goldenen Trikot vor irgendeiner großen Leinwand stehen, Bier trinken und weinen, wenn Deutschland gewinnt.

Haben Sie alle Spaß! Und lassen Sie mich wissen, wer nach Ihrer Ansicht Weltmeister wird. Mein bester Freund sagt, Mexiko! Spanien, Frankreich und Argentinien sind auch im Topf. RO!