Kollege Steingart rechnet ab: Mit dem Journalismus und mit reichen Unterstützern – aber anders

Publizist Gabor Steingart wurde als Sohn des ungarischen Chemikers Imre Steingart und dessen deutscher Frau im Juni 1962 in West-Berlin geboren. Sein Vater war 1956 nach der blutigen Niederschlagung des Volksaufstands durch sowjetische Panzer (bestimmt nur Framing, Russland wollte Ungarn von den Nazis befreien oder eine russische Minderheit beschützen oder so – wie immer halt) abgehauen. Sein Filius machte später eine rasante Karriere als Journalist:

Leider des Hauptstadtbüros des SPIEGEL, dann Bürochef für das Magazin in Washington D.C.. Danach Chefredakteur und später Herausgeber des Handelsblatts. 2018 gründete der erfahrene Medienmanager in Berlin das Medienunternehmen MEDIA PIONEER vorwiegend mit Geld der Axel Springer SE.

Und, keine Frage, ein qualitativ hochwertiges Produkt mit dem bürgerlichen Portal The Pioneer. Falls Sie es nicht kennen, müssen Sie sich das so etwa wie Die Zeit im Internet vorstellen, etwas für geistvolle Aufarbeitung oftmals profaner Politik mit der Edelfeder Gabor Steingart auf dem Oberdeck des Redaktionsschiffes (kein Witz) „Pioneer 1“.

So weit, so gut

Was ich nicht gut und vor allem wenig souverän finde ist, dass er heute einen Rundumschlag gegen den Journalismus in Deutschland insgesamt wagt.

Der sei nämlich schuld an „aufgeregten Debatten“ und die schlechte Stimmung im Land.

Da möchte ich dem Kollegen Steingart widersprechen: die falsche bis katastrophale Politik der vergangenen Jahre ist schuld an der schlechten Stimmung im Land. Medien sind nur die Überbringer schlechter Nachrichten. Medien sind ganz sicher nicht die Schuldigen am Verlust von  10.000 Arbeitsplätzen pro Monat, den astronomischen Energieprisen und Messerangriffen von manchen unserer Gäste aus dem islamischen Kulturkreis.

Was mich außerdem stört

Alle kriegen ihr Fett weg bei der Kollegenschelte, die renommierte Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ) ebenso wie Robin Alexander. Nur, irgendwie seltsam, Springers BILD und WELT werden bei Steingarts Abrechnung mit keinem einzigen Wort erwähnt.

Schließlich ruft Steingart zu Spenden auf: Mindestens 50 Unterstützer sollen – kein Witz – „bis heute Abend“ 5.000 Euro für eine „Lifetime“-Mitgliedschaft bei The Pioneer auf den Tisch zu legen. Diese 50 Menschen will er dann an einem Abend auf sein Schiff „Pioneer Two“ einladen und mit ihnen über sein Konzept eines „ästhetischen Journalismus“ diskutieren.

 

 




Die Nato sendet eine Botschaft an den Kreml – zurückhaltend und klug

Das „Morning Briefing“ des Handelsblattes kommt immer passend per Mail zum Morgenkaffee bei mir und vielen anderen Lesern der Zeitung an. Chefredakteur Gabor Steingart schreibt immer ein paar Zeilen zu den wichtigen Themen des Tages, und in der Regel ist es geistreich, was er zu Papier bringt. Heute war das nicht so. Zur angekündigten Verlegung von insgesamt 4.000 Nato-Soldaten in die baltischen Staaten und nach Polen schreibt Steingart:

„Die Nato hat gestern beschlossen, 4.000 zusätzliche Soldaten in Osteuropa zu stationieren. Mit dieser so genannten „Vornepräsenz“ will man Putin beeindrucken. „Wir sind auf dem richtigen Weg“, sagte Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg. Der Mann kennt offenbar nicht die Größe des Moskauer Militärapparats (etwa eine Million aktive Soldaten; 2,3 Millionen Reservisten) und versteht wenig von der Psyche der Russen.“

Ganz davon abgesehen, dass sich das westliche Verteidigungsbündnis bei Erfüllung ihrer Aufgabe keineswegs daran orientieren sollte, ob die russische Psyche gerade wohlgestimmt ist oder nicht, ist die Überlegung des Kollegen Steingart Milchmädchen-Strategie. Wer die Erklärung der Nato zu der Truppen-Verlegung gelesen hat, der sollte wissen, dass die Nato keineswegs vorhat, Putins Millionenheer mit 4.000 Soldaten im Ernstfall quasi zurückzuschlagen. Der Handelsblatt-Chef – bei allem Respekt – sollte bemerkt haben, dass die Maßnahme überaus klug ist. Denn das Bündnis verlegt, zunächst zeitlich begrenzt, multinationale Kontingente ins Baltikum und Polen. Soldaten aus Großbritannien, Frankreich, Deutschland und den USA – militärisch ein anderes Kaliber als die zwar stolzen und freiheitsliebenden Kleinstaaten Litauen, Lettland und Estland. Und auch Polen. Ein russischer Angriff auf diese Soldaten wäre de facto ein Angriff auf diese – unsere – Länder, darunter drei Atommächte. Würde Putin das wagen? Die Nato ist etwas anderes als die völkerrechtswidrige Einverleibung der Krim. Tatsächlich ist die Entscheidung der Nato strategisch klug, vom Umfang her äußerst zurückhaltend und alles andere als ein kriegerischer Akt. Es ist nichts weiter als eine Botschaft an den Kreml, eine Grußkarte sozusagen. Liebesgrüße nach Moskau.