Wir sollten die Vergangenheit niemals verklären

Heute ist der 30. Jahrestag des Zusammenbruchs der kommunistischen Sowjetunion. Glückwunsch, der ganzen Welt! Gut, dass dieses Missgebilde weg ist, das über Jahrzehnte global eine aggressive Politik betrieb und eine Bedrohung der westlichen Staatengemeinschaft war. Nicht bei Innovation und Produktion, nicht beim Gesellschaftsmodell und schon gar nicht bei Wohlstand und sozialer Sicherheit. Aber mit Atomraketen und Straflagern, in denen zehntausende Menschen, die dem Wahnsinn zu widersprechen wagten, elendig verreckten.

Eine Umfrage des staatlichen Meinungsforschungsinstituts Wziom brachte jetzt das Ergebnis zum 30. Jahrestag des Endes der UdSSR, dass die Menschen sich heute vor allem an soziale Sicherheit, Stabilität und den Großmachtstatus im Kommunismus erinnern. Die widerwärtigen Seiten, Mangelwirtschaft mit leeren Regalen und langen Warteschlangen sowie die Verfolgung Andersdenkender inklusive Sippenhaft für deren Familien – das haben, das wollen viele vergessen.

Und das ist nicht nur in Russland so, wenn ich die Nostalgiker West betrachte, die von Parks im Nazi-Deutschland schwärmen, „durch die Frauen nachts noch alleine gehen konnten“ – wobei man sich spontan fragt: Wie viele Frauen wollten 1942 nachts in irgendwelchen Parks herumlaufen? Und die Nostalgiker Ost schwärmen von den Puhdys, den guten „Schrippen“ und dem tollen Zusammenhalt unter den Menschen damals. Da fällt mir dann direkt der frühere Theologe und später CDU-Politiker Heinz Eggert aus Rostock ein, der bei Durchsicht seiner Stasi-Unterlagen nach der Wende feststellte, dass sage und schreibe 26 seiner Nachbarn und „Freunde“ drumherum regelmäßig Berichte an die Stasi lieferten, was er so macht, wer zu Besuch kam und welche Kennzeichen die Trabis vor dem Haus hatten. Schöner Zusammenhalt.

Aber es ist vielleicht auch normal, so sind wir Menschen. Wir verklären die Vergangenheit, je länger sie zurückliegt, umso mehr. Gleichzeitig ist es aber auch wichtig, gelegentlich daran zu erinnern, was für Dreckssysteme Kommunismus und Nationalsozialismus waren und dass es andere vergleichbare Ideologien und Systeme auch heute gibt, die wir im Auge behalten und ggf. auch bekämpfen müssen, wenn wir nicht eines Tages morgens aufwachen wollen und uns in einem Alptraum wiederfinden…

image_pdfimage_print

Dieser Artikel wurde 3 mal kommentiert

  1. fibbo obbif Antworten

    Nunja, der inzwischen installierte globale neoFaschismus (International-Sozialismus) ist auch nicht soooo viel besser. Vor allem, weil man mangels freier, unabhängiger Nationen kaum noch attraktive Fluchtmöglichkeiten hat.

  2. S v B Antworten

    Die Hoffnung, gar die Annahme, dass der Mensch je aus der Geschichte lernt, ist eine Illusion. Weder Erfahrungen noch kluge Einsichten haben es je geschafft, sich „in Hirn und Herz einzubrennen“, sich also in einem der beiden Organe „genetisch zu verankern“. Und so wird Generation um Generation seit jeher völlig „blanko“, also unwissend und ohne jedwede „vererbte Erfahrung“ – man könnte auch sagen, dumm – geboren. Alles Lernen, alles Machen, Sammeln, Analysieren und Abspeichern von Erfahrungen, alles Wissen und alle Lehren beginnen so immer wieder bei Null, sprich ganz von vorne. Obschon es sich hierbei um eine recht frustrierende Erkenntnis handelt, ist nicht abzusehen, dass sich diesbezüglich etwas ändern könnte. Es sei denn – ja, es sei denn, dass mittels Künstlicher Intelligenz und ihren Technologien ein kontinuierlicher, letztlich vererblicher und so viele Generationen übergreifender Lern- und Erfahrungsprozess in Gang gesetzt und irgendwann dann – oh Wunder – als „genetisch installiert“ betrachtet werden könnte. Wow! Science-fiction, ein Hirngespinst? Oder eines fernen Tages vielleicht doch nicht mehr? Was weiß man heute schon? Allerdings wäre wohl gerade auch eine „revolutionär evolutionäre Errungenschaft“ wie diese mit völlig unwägbaren, vermutlich sogar ganz enormen Risiken verbunden. – Belassen wir die Dinge also doch lieber wie sie sind, wie sie immer waren, wie sie von der Natur – oder auch vom Schöpfer – nicht grundlos erdacht worden sind. Man darf davon ausgehen, dass alles genau so sein soll wie es ist. Wäre dem nicht so, wäre alles anders. Eine Gewissheit, die in jeder Lage tröstlich ist. Auch wenn es einem mitunter vorkommen mag, dass die „die ganze Welt“ verrückt spielt, irgendwie…

  3. colorado 07 Antworten

    Der Kommunismus wird für die Menschen immer attraktiv sein, vor allem weil er ihnen vorgaukelt, was sie gerne hören, und weil für die meisten von ihnen die Freiheit eine „Last“ ist, die sie gerne abwerfen. Schon Dostojewski hat das glasklar erkannt, in seiner Rede vom Großinquisitor.

Schreiben Sie einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.