Totgeglaubt und doch mächtig wie einst: Der „Pacto Andino“ der CDU berät über das politische Schicksal von Jens Spahn

Berufspiloten wissen, dass Flüge über die Anden oft turbulent sind. Denn die Berge stellen große Hindernisse für die Luftströmungen dar und erzeugen sogenannte „mountain waves“ (Bergwellen). Teilnehmer der zwölfköpfigen Reisegruppe aus Mitgliedern des Bundesvorstands der Jungen Union (JU), die im Jahr 1979 auf einer mehrwöchigen „Bildungsreise“ durch Südamerika unterwegs waren, erzählten später von einer fast „mystischen Stimmung“ an Bord der stickigen Linienmaschine auf ihrem Weg von Santiago de Chile nach Caracas (Venezuela).

Man war müde, es soll jede Menge Rotwein auf dem mehrstündigen Flug am 25. Juli geflossen sein, als die Idee aufkam, ein Netzwerk zu gründen, dass gegenseitig die Karriere der jungen Männer in den kommenden Jahrzehnten innerhalb der CDU fördern und absichern sollte.

Es ist nicht mehr sicher festzustellen, wer genau die Idee aufbrachte, aber wahrscheinlich waren zwei der damals profiliertesten Köpfe ganz vorn dabei: Roland Koch und Christian Wulff. In dieser Nacht vor heute 46 Jahren entstand der „Pacto Andino“, der legendäre Andenpakt.

Wer von uns es ganz nach oben schafft, hilft den anderen

So lautete der einfache Plan.

Man kandidiert niemals gegeneinander. Man schützt sich. Man schweigt. Und das hat über mehr als 20 Jahre wunderbar funktioniert, bis Christian Wulf seinen Mund gegenüber Angela Merkel nicht halten konnte. Dieses Gespräch fand irgendwann im Jahr 2000 statt, kurz nachdem Angela Merkel zur CDU-Bundesvorsitzenden gewählt worden war. Wulff schrieb später, er habe frühzeitig „reinen Tisch“ machen wollen, um die spätere Kanzlerin nicht im Unklaren über die internen Machtstrukturen der CDU zu lassen.

Dabei war der Andenpakt lange entschieden gegen Merkel. Hier die ambitionierten CDU-Männer aus Westdeutschland, dort die „Frau aus dem Osten“, der sie nicht über den Weg trauten und die sie für eine „Übergangslösung“ von höchstens fünf Jahren hielten.

Und die Alphatiere aus dem Westen waren zunächst erfolgreich, verhinderten, dass Merkel 2002 Kanzlerkandidatin der Union wurde. Stattdessen setzten die Pakt-Mitglieder (insbesondere Roland Koch und Christian Wulff) Edmund Stoiber (CSU) durch. Doch Merkel war clever, vereinbarte beim berühmten „Wolfratshauser Frühstück“ bei Brez’n und Wurstplatte mit Stoiber, dass sie nach der Wahl das eigentliche Machtzentrum der Union übernehmen würde: den Vorsitz der CDU/CSU-Bundestagsfraktion. Stoiber verlor die Bundestagswahl, Merkel übernahm vom völlig überraschten Friedrich Merz die Fraktion, was das Verhältnis der beiden bis heute entscheidend belastet.

Freunde werden Merkel und Merz sicher nicht mehr

In ihrer neuen Funktion ging sie dann sofort daran, die einflussreiche CDU-Seilschaft zu schleifen und einen nach dem anderen kaltzustellen.

Friedrich Merz war übrigens damals im Flieger über den Anden nicht dabei, stieß erst viel später dazu. Und: der „Pacto Andino“ existiert nicht nur immer noch, er scheint weiter mächtig zu sein.

Kurz vor Weihnachten traf sich der Bundeskanzler im Berliner Kulturkaufhaus Dussmann mit einigen führenden Köpfen des Andenpaktes, wie der „Spiegel“ herausfand. Dabei soll es ausführlich um das politische Schicksal des einstigen Hoffnungsträgers Jens Spahn gegangen sein, der heute die CDU/CSU-Bundestagsfraktion führt. Wer genau bei Dussmann mit am Tisch saß ist im Detail nicht bekannt. Sicher ist aber, dass neben Merz Koch, Wulff und der frühere Ministerpräsident und dann EU-Kommissar Günther Oettinger dort waren. Und der Vollständigkeit halber hier die Liste der weiteren Gründungsmitglieder aus dem Flieger im Jahr 1979:

Franz Josef Jung, späterer Verteidigungsminister, war dabei. Friedhelm Ost, der spätere Regierungssprecher von Bundeskanzler Helmut Kohl. Bernd Neumann aus Bremen, langjähriger Kulturstaatsminister, dessen Sprecher ich von 1985 bis 1987 in Bremen war. Hans-Joachim Otto, der später zur FDP wechselte, war an Bord. Volker Bouffier (ehem. Ministerpräsident von Hessen), Friedbert Pflüger (ehem. Staatssekretär), Matthias Wissmann (ehem. Bundesverkehrsminister), Elmar Brok (ehem. EU-Parlamentarier), Hans-Gert Pöttering (ehem. Präsident des EU-Parlaments), Peter Müller (ehem. Ministerpräsident des Saarlands), Christoph Böhr (ehem. CDU-Landeschef in Rheinland-Pfalz) und Wulf Schönbohm.

Frauen waren nicht dabei und kamen auch später nicht hinzu

Der „Pacto Andino“ war und ist stets ein reiner Männerbund.

Und Friedrich Merz teilte und teilt vermutlich bis heute alles, was den Pakt von Anfang an ausmachte: Den westdeutschen Katholizismus, die wirtschaftsliberale Prägung und vor allem die tiefe Abneigung gegen den Aufstieg von Angela Merkel.

Deutschland wird heute von einer schwarz-roten Koalition unter Kanzler Merz regiert, doch es läuft nicht rund. Der Koalitionspartner SPD klebt wie ein Klotz am Bein der Union, die ehrgeizigen Reformpläne kommen nicht voran, wie Merz inzwischen selbst offen einräumt. Und die Kommunikation im „Bermudadreieck“ zwischen Kanzleramt, Partei und Fraktion funktioniert nicht. Mitten in der Krise traf sich Merz also vor Weihnachten im Restaurant des Berliner Kulturkaufhauses Dussmann mit seinen alten Weggefährten.

Das zentrale Thema des Gesprächs: Jens Spahn. Der galt dem Netzwerk lange als einer der ihren, als das „moderne Gesicht“ des Konservatismus in der Union. Doch der Münsterländer steht unter schwerem Beschuss. Eine unzureichende Kommunikation mit dem Kanzleramt wirft man ihm vor. Spahn wird von der alten Garde immer mehr als eine Belastung für die Regierungskoalition angesehen. Angeblich, so der „Spiegel“, hätten einige Teilnehmer des Geheimtreffens offen über eine Ablösung Spahns spekuliert. Man will die Fraktion wieder disziplinieren, die beim Fall Brosius-Gersdorf und zuletzt beim Aufstand der Jungen gegen die Rentenpläne aus dem Ruder zu laufen scheint.

Dass sich ein amtierender Bundeskanzler im Jahr 2026 mit Männern berät, deren aktive Zeit teilweise über ein Jahrzehnt zurückliegt, zeigt die ungeheure Zähigkeit des Andenpakts. Was 1979 in der Economy-Class einer Linienmaschine als weinseliger Schwur begann, ist fast ein halbes Jahrhundert später das letzte Korrektiv einer angeschlagenen Regierung. Und ein starker Machtfaktor. Für Jens Spahn ist das keine gute Nachricht.

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Dieser Artikel wurde 11 mal kommentiert

  1. Johannes Antworten

    Besser (für Deutschland) wäre es, die alten weißen Herren hätten über den Unfug der „Brandmauer“ diskutiert und wie die Union der wachsenden Verzwergung entgeht.

    Aber diese Chance wurde nicht ergriffen; stattdessen sinniert man, wie man die Fraktion besser in den Griff bekommt. Wer noch Zweifel hatte, dass unser Land zur Beute der Parteien geworden ist, hat diese nun ausgeräumt bekommen.

  2. Martin Ludwig Antworten

    Ein paar alte, abgehalfterte Poltiker, die ganz offensichtlich nichts gegen den langjährigen Irrweg der CDU/CSU unternehmen können oder wollen und für ihren eigenen Machterhalt und ihre Plätze ganz vorne am Futtertrog wie du selbst schreibst „nicht und niemals gegeneinander kandidierten, sich schützen und schweigen“. Das alles sind keine positiven Attribute für einen Politiker sonder zeigt nur, welche Menschen in Deutschland an der Macht sind und waren, und was es braucht dort hin zu kommen und dort zu bleiben.
    Dieser Beitrag ist für mich die offizielle Armutserklärung der Union und bestätigt genau das, was der Bürger von den Herrschern in ihrem Elfenbeinturm ohnehin bereits denkt.

    Jens Spahn ins Visier zu nehmen wäre gut und richtig. Seit Corona und seinen Machenschaften in diesem Zusammenhang ist dieser Mann für Deutschland nichtmehr tragbar.
    Ob jedoch ausgerechnet seinesgleichen diejenigen sein sollten, die hier als Korrektiv auftreten, wage ich schwer zu bezweifeln. Hier rufen die Diebe „haltet den Dieb“, was eigentlich genau meinem Humor entspricht. Wenig unterhaltsam finde ich es aber dann, wenn Menschen tatsächlich auf das Flötenspiel dieser Rattenfänger hereinfallen und diese dann für Wählbar halten.
    Die Rattenfänger sollen zusammen mit den Ratten in ihrer Gefolgschaft das Land verlassen, dann funktionierts auch hier wieder mit der Demokratie. So lange jedoch die Flötenspieler schaffen die Illusion aufrecht zu erhalten, wir die Schlange brav nach ihrer Flöte tanzen und sich von den leichten rechts-links bewegungen blenden lassen. Der Gaukler hingegen hält die Schlange in einem engen Korb, gibt ihr gerade genug zu Essen, dass sie überlebt und behält den Löwenanteil seiner Beute für sich.

    Für Deutschland wäre es besser gewesen, jene Politiker hätten seiner Zeit im Flug Fuerza-Aérea-Uruguaya 571 gesessen statt sich auf Kosten des Steuerzahlers zu betrinken und Vergnügungsreisen zu Machen.

  3. Dr. Hildegard Königs-Albrecht Antworten

    Die Ablösung von Jens Spahn ist überfällig, nicht wegen seiner Mißerfolge in der Disziplinierung der Fraktion, sondern wegen seiner übergriffigen Corona-Politik und seiner Maskendeals.

    Aber Merz sollte sich darauf einstellen, daß der bedingungslose Fraktionszwang nicht mehr funktionieren wird. Die jungen CDU-ler sind aufgewacht und lassen sich nicht mehr auf jede Kungelei der Führungsriege ein. Sie haben erkannt, daß die Koalitionspartei SPD ständig versucht, ihre Interessen durchzuziehen. Und sie sind im Gegensatz zum Chef bereit, dagegen aufzustehen, um den Untergang der CDU zu verhindern.

    So wie Corona vielen Bürgern die Augen geöffnet hat, haben die jungen Abgeordneten aus der unsäglichen Causa Brosius-Gersdorf gelernt.

    Man erkennt, daß jede Schweinerei auch einen gute Aspekt hat, man wird wachsam und kritisch und schaut genauer hin.

  4. Gerd Rau Antworten

    Das beweist doch das es den Politiker schon damals nicht um das Land ging, sondern nur um die eigene Macht. Deshalb glaub ich es wird gar nichts passieren, eine Krähe hackt der anderen kein Auge aus.

  5. S v B Antworten

    Der Bericht über den – mir bisher unbekannten – „Andenpakt“ wirf für mich eher ein nachteiliges Licht auf die politische „Blutsbrüderschaft“. Erst-Kommentatorin GJ bezeichnet den offenbar im Suff geschlossenen Geheimbund ehemaliger CDU-Granden gar als Geklüngel und sie hat damit völlig recht. Auch ich kann ihm, selbst bei bestem Willen, nichts Positives abringen.

  6. gerd Antworten

    Es ist vollkommen unverständlich, dass Politiker wie Jens Spahn überhaupt noch Angestellte von unserem Rechtsstaat sind. Der Mann hat nun, 2025, zugegeben, dass er während der Plandemie bzw. am Beginn der Impfkampagne gewusst hat, dass die sog. Impfungen keinen Fremdschutz bewirken. Trotzdem hat er für das Jahr 2022 durchgehend die 2 G Regelung durchsetzen wollen und das Mantra der Spritzungen wie ein Monstranz vor sich her getragen. Durch diese Aktionen hat er unzählige den Glauben an die gefahrlose „Impfung“ eingetrichtert….nun wissen wir, dass davon einige 100 000 bestenfalls schwere Nebenwirkungen hatten, wenn sie es denn überlebten.

  7. Günther M. Antworten

    Wer solchen Machenschaften etwas abgewinnen kann, ist ein Parteiapparatschik – kein Demokrat!

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