Epochale Entwicklung, PR-Spektakel, teures Spielzeug? Elon Musk hält die Welt in Atem

Als mein Vater vor 25 Jahren starb, passierte das in seinem festen Bewusstsein bei ihm, dass ein Faxgerät eine bahnbrechende technische Innovation sei, mit der man Briefe an Kunden nicht mehr auf dem Postweg verschicken muss. Mehr kann man nicht erreichen, oder?

Die damals gleichzeitig aufkommenden Computer hielt er dagegen für völlig nutzlos – nicht mehr als ein Gerät, auf dem man „Super Mario“ spielen konnte. Wie kann man sich irren, oder?

Elon Musk hat wieder mal das globale Publikum in Entzücken, zumindest in Staunen versetzt

Seine Show im texanischen Waco vorgestern glich der Kulisse für einen Hollywood-Blockbuster, ja, es erinnerte fast schon an eine religiöse Erweckungszeremonie.

Der Tesla-Chef hatte eingeladen, die zweite Generation des Tesla Roadster vorzustellen – und die Tech-Welt staunte. Mich erinnerten die Bilder im Internet unwillkürlich an den Film „Zurück in die Zukunft“ und den DeLorean DMC-12, mit dem Marty McFly und Doc Brown in die Zukunft brausten.

Ja, dachten wir, eine Autofirma stellt ihr neues Produkt vor, um es danach gut zu verkaufen.

Hatten wir alles schon oft erlebt und erinnerte irgendwie an den großen amerikanischen Visionär und Apple-Gründer Steve Jobs, der sich und sein Produkt auf großer Bühne im schwarzen Rollkragenpulli auch so ähnlich inszenierte wie Musk heute. Aber was dann in Waco folgte, war tatsächlich atemberaubend.

Ein Sportwagen hob vor den Augen der staunenden Zuschauer vom Boden ab, vollführte eine Seitenrolle und landete mithilfe von Kaltgas-Triebwerken (seines Raumfahrtunternehmens SpaceX) wieder sicher auf dem Boden. Innerhalb einer knappen Sekunde schoss das Fahrzeug von Null auf 100 – ein Wert, der die biologischen Grenzen der menschlichen Belastbarkeit berührt.

Kaum war der Rauch verflogen, setzte in Redaktionen, Analystenbüros und sozialen Netzwerken eine große Debatte ein

Hatten wir gerade den Beginn einer neuen Ära der Mobilität erlebt? Oder war das nicht mehr als eine tricky PR-Show Musks?

Aus Sicht des Ingenieurs ist der neue Roadster eine Meisterleistung. Die Idee, ein Automobil mit Raketendüsen auszustatten, um den Anpressdruck zu maximieren und das Fahrzeug kurzzeitig abheben zu lassen, bricht mit allen traditionellen Konventionen des Automobilbaus.

Tesla nutzt dazu ein System aus Ultra-Hochdruck-Lufttanks, die im Fahrzeugboden verbaut sind. Ein mächtiger Kompressor presst Luft mit bis zu 380 Bar in diese Behälter. Wird die Energie schlagartig freigesetzt, strömt das Gas mit mehrfacher Schallgeschwindigkeit aus speziellen Ventilen. Das Ergebnis ist eine Beschleunigung von 0 auf 60 Meilen pro Stunde in utopischen 0,81 Sekunden.

Für Enthusiasten ein neuer Beweis für Musks epochalen Pioniergeist

Die Grenzen der Physik auf der Straße neu definiert – wenn das nicht epochal ist, was denn dann?

Aber so wie vieles andere im Leben hat die Medaille eine Kehrseite. Die liegt in der Physik und den massiven Kompromissen, die für diesen Show-Effekt eingegangen wurden.

Um die tonnenschwere SpaceX-Technik, die zahlreichen Leitungen, Ventile und Lufttanks im Chassis unterzubringen, musste das Fahrzeug radikal skelettiert werden. Der noch im Jahr 2017 versprochene viersitzige E-Supersportwagen mit einer revolutionären Reichweite von 1.000 Kilometern existiert in der Flug-Variante nämlich nicht.

Der Wagen, den wir gesehen haben, ist nur noch ein enger Einsitzer. Der riesige Akku, der für die enorme Reichweite nötig wäre, musste weichen, um Platz für die Gasbehälter zu machen. Übrig bleibt eine Batterie, die unter realen Bedingungen kaum mehr als 480 Kilometer schafft – ein Rückschritt hinter die aktuellen massenmarkttauglichen E-Autos. Außerdem: Hat der Roadster einmal seine Lufttanks für einen viereckigen „Hüpfer“ über ein Hindernis geleert, benötigt der bordeigene Kompressor fast eine Stunde stationärer Arbeit, um den immensen Druck für den nächsten Flug wieder aufzubauen.

Anders gesagt: Für den alltäglichen Verkehr ist dieses System vollkommen nutzlos

„Jetzt noch“, möchte man anhängen. Besonders in Deutschland und Europa stößt das Konzept erwartungsgemäß auf jede Menge Skepsis.

Eine Straßenzulassung für ein Fahrzeug, das Gase mit der Wucht eines Raketentriebwerks ausstößt, ist in der Europäischen Union (EU) undenkbar.

Die Gefahr für Fußgänger, Radfahrer oder nachfolgende Autos durch den extremen Druckwind und die Geräuschentwicklung ist definitiv zu groß. Tesla selbst räumt auf seiner Website ein, dass die Flugfunktion im öffentlichen Straßenverkehr strikt verboten bleibt.

Der fliegende Roadster ist erstmal ein Fahrzeug, das seine spektakulärste Eigenschaft nur auf abgesperrten Privatgeländen oder speziellen Rennstrecken ausleben darf. Wer die happige Anzahlung von 250.000 Euro leistet, kauft kein Auto, kein Transportmittel, sondern ein exklusives Statussymbol, das zudem nur auf direkte Einladung des Herstellers an ausgewählte Kunden abgegeben wird. Es ist ein ultimatives Spielzeug für eine kleine Elite von Milliardären.

Aber es ist ein spektakulärer Anfang

Menschen wie Elon Musk, so irre sie uns manchmal erscheinen, sind die Triebkraft, die diese Welt und die Menschheit weiterbringen.

Henry Ford, der das Fließband erfand, war so einer, oder Thomas Edison, der die Glühbirne erfand. Und in der Neuzeit neben Jobs und Musk auch Jeff Bezos, der den globalen Handel radikal digitalisiert hat, oder auch Bill Gates, der Mitbegründer von Microsoft, der einen Computer auf jedem Schreibtisch in jedem Haus der Welt haben wollte.

Bei jeder großen Idee, bei jeder spinnerten Vision gibt es heute die Nörgler. Und in Deutschland gibt es ganz besonders viele Nörgler.

So war es auch nach dem Waco-Erlebnis. Und so ist es auch, wenn man Musk und Gates wegen anderer Dinge nicht mag. Damit müssen wir wohl leben.

Als am 7. Dezember 1835 die Dampflokomotive „Adler“ die sechs Kilometer lange Strecke zwischen Nürnberg und Fürth als erste Eisenbahnfahrt zurücklegte, fürchteten sich viele Menschen in Deutschland vor dieser rasanten technischen Entwicklung. Sie waren es gewohnt, sich zu Fuß oder in Pferdekutschen vorwärtszubewegen. Dass da ein Gefährt mit der wahnsinnigen Geschwindigkeit von 24 bis 30 Kilometern pro Stunde durch die Landschaft rasen wollte, schürte tiefe Ängste.

Der menschliche Körper sei für solche Geschwindigkeiten nicht gemacht, warnten Kritiker. Und immer gibt es einen Experten, der – in diesem Fall – behauptete, die Schnelligkeit der Fahrt würde die Luft aus dem Waggon „pressen“ und die Passagiere deshalb unweigerlich ersticken. Nun, ganz so schlimm wurde es dann doch nicht.

Wenngleich: Bei den häufig ausfallenden Klimaanlagen in modernen ICE-Schnellzügen könnten Verschwörungstheoretiker schon einen Zusammenhang mit 1835 herstellen…

18 Kommentare

  1. Musk zeigt eindrucksvoll was Kreativität, Ingenieurskunst und Unternehmertum schaffen können. Diesen „Spirit“ hatten wir auch mal in Deutschland.

    Bei uns wäre er wahrscheinlich bereits an der erforderlichen Genehmigung für die sehr ungewöhnliche Startrampe gescheitert.

    Und da bin ich einer Meinung mit Ihnen Herr Kelle: die Nörgler, Besserwisser und Tugendhaften werden sich darauf stürzen und es verreißen.

    Wer wissen will, was Musk als nächstes sehr konkret plant, der lese mal zu seinem „Terrafab“-Projekt zu orbitalen KI-Rechenzentren.

  2. Im WDR verstieg man sich sogar zur Ansicht, Musk habe eigentlich wegen seiner politischen Ausrichtung Mühe, fähige Ingenieure zu finden. Die, die in seinen Unternehmen arbeiteten, würden durch solche Spektakel korrumpiert.
    Ein Witz!

  3. Es braucht Visionäre wie Elon Musk. Seine Antipathie ist dabei egal.

    Die Vorstellung dieser Rakete in Autoform ist dann aber doch mehr PR als Ausblick auf die Zukunft. Selbst 40 Jahre nach dem „Aufflug“ des Raketenmannes bei der Olympiaeröffnung in Los Angeles in guter alter James Bond-Manier sind solche Raketenanzüge nicht mehr als PR.

    Wer heute selber fliegen will, kauft sich einen kleinen Helikopter. Die gibt’s schon für rd. 100.000 Euro. Und wer Beschleunigung fast jenseits der menschlichen Belastungsgrenze will, greift zu einem serienmäßig erhältlichen hochmotorisierten E-Auto. Die schaffen Beschleunigungen von Null auf 100km/h in unter 2 Sekunden. Und dafür reicht der normale Führerschein. Übrigens auch eine Innovation, die zwar nicht von Musk stammt, die er aber kommerziell maßgeblich nach vorne getrieben hat.

    Bedauerlich, wie wenig aktuell wirklich bahnbrechende Innovationen es kaum auf die Titelseiten schaffen, weil sie nicht so spektakulär inszeniert werden (können). Was sich gerade in der Krebstherapie Dank mRNA-Technik tut, ist atemberaubend. Und lebensrettend für viele Menschen. Schlimmer noch: Deren Visionäre und Pioniere wie Ugur Sahin gelten in manchen Kreisen als absolutes Feindbild.

    Deutschland ist hier als Innovations- und Entwicklungsstandort absolute Spitzenklasse. Eigentlich Grund genug, mal ein bisschen patriotischer aufzutreten.

    Aber lieber huldigt man Elon Musk. Warum nur?

    1. @Harald

      Zum Thema modRNA-Technik und Krebstherapie werden Sie vielleicht diese Informationen interessieren:

      „BioNTech’s mRNA cancer vaccine fails phase 3 test, significantly denting analysts’ confidence“

      „Lavishly funded Moderna hits safety problems in bold bid to revolutionize medicine“

      Es ist noch ein weiter – und ungewisser – Weg zu funktionierenden Therapien.

      1. @ Johannes

        Und? Solche Rückschläge sind in der Pharmaforschung üblich.

        Umgekehrt dürfte Ihnen „Melanom: RNA-Impfung überzeugt erstmals in Phase-III“ nicht entgangen sein.

        Gerade im Bereich der individualisierten Krebstherapie, die oft entscheidend ist (auch in Bezug auf Immuntherapien) ist mRNA die bislang einzige Technik, die das schnell genug ermöglicht.

        Aber Ihre Antwort als auch die von Dr. Hildegard Königs-Albrecht weiter unten sind typisch für die deutsche Skepsis. Klaus Kelle beschrieb es weiter oben.

        Aber auch Sie selbst. Zitat: „…die Nörgler, Besserwisser und Tugendhaften werden sich darauf stürzen und es verreißen“.

        1. @Harald

          Absolut – Rückschläge sind in jeder Wissenschaft üblich und unvermeidlich. So wie Sie habe auch ich dies in meinen früheren Forschungen erlebt. Sie sollten einen auch nie entmutigen, sondern anreizen weiter zu machen.

          DARUM ist Skepsis auch erforderlich. Die beiden Beiträge sind eine gesunde Grundlage für Skepsis gegenüber dem aktuellen Konzept der modRNA Krebstherapie. Und eine gesunde Skepsis ist fern jeder Nörgelei oder Besserwisserei; aber das wissen sie auch 😉

          Vielleicht funktioniert – irgendwann – die modRNA Krebstherapie. Das fände ich wirklich prima. Nur solange die immanenten Probleme nicht gelöst sind, bleibe ich da im gesunden Maße skeptisch.

          Da hingegen ist die CAR-T-Zell-Therapie wesentlich ausgereifter, weil zielgerichteter; aber wem erkläre ich das 😉

          1. @ Johannes

            Also jetzt überraschen Sie mich aber, dass Sie CAR-T-Zell-Therapie loben. Bei der Vektortechnologie mit gezielter, dauerhaft-lebenslanger Integration des CAR-Gens im Genom, also einer echten Gentherapie.

            Naja, auch bei CAR wird auch mit Nachdruck an mRNA als Alternative gearbeitet. Bei Melanomen scheint es ja zu funktionieren.

  4. Die modRNA-Technik wurde vor der Corona-Zeit seit etlichen Jahren in aussichtslosen Fällen (nur da wurde sie erlaubt!) ohne durchgreifenden Erfolg angewendet.
    Die sog. Corona-Pandemie bot die Gelegenheit, diese bis dahin nicht freigegebenen Stoffe an Milliarden Menschen (Bill Gates: 7 Milliarden erwünscht) auszuprobieren. Und das geschah und lieferte den Akteuren Milliarden Gewinne und vielen Probanden gesundheitliche Probleme.
    Zur Zeit versucht man, diese Gewinne erneut in der Krebstherapie zu erzielen. Die Seren sind extrem teuer.

    1. Zum Glück wird immer mehr bekannt und es wird – wie bei Contergan – auch einmal die Zeit der Aufarbeitung und juristischen Verantwortungsübernahme und Urteilen kommen.

      Es braucht allerdings noch etwas; das Konglomerat aus Pharmaindustrie, Zulassungsbehörden, Politik, „Faktencheckern“ und – leider Teilen der Justiz – ist noch zu geschlossen. Aber diese Geschlossenenheit ist nicht von Dauer.

    2. @ Dr. Hildegard Königs-Albrecht

      Alle modernen Krebstherapien sind extrem teuer. Gerade die von @ Johannes weiter oben angesprochene CAR-T-Zell-Therapie. Die Kosten pro Dosis gehen in die Hunderttausende. Hier wäre mRNA ungleich viel günstiger.

    3. Erstaunlich dass dieses Zeugs so teuer ist. Unser damalige RKI Chef und Vieharzt hat doch damit Viecher erfolgreich beglückt. Wieso ist das dann für Menschen so teuer? Von der Gfahr mal ganz abgesehen.

  5. Das Problem ist nicht die Geschwindigkeit, sondern die Zeit, in der diese sich ändert und somit erreicht wird: also die Beschleunigung, die durch eine Kraftwirkung „erfahrbar“ wird, weil sich alle Körper mit einer Masse dieser widersetzen. Hohe Beschleunigungswerte und damit hohe wirkende Kräfte können durchaus schädlich für die Gesundheit sein, mithin sogar tödlich.

  6. „Innerhalb einer knappen Sekunde schoss das Fahrzeug von Null auf 100 “

    @Klaus Kelle

    Da fällt mir spontan ein berühmtes Filmzitat aus „Zurück in die Zukunft Teil 3″ ein, in dem Marty McFly einen Lokführer im Jahr 1885 fragte, ob er seine Zugmaschine auf 90 Meilen pro Stunde beschleunigen könnte. “ „90 Meilen pro Stunde?! Junge, ich frag‘ mich, wer es jemals so eilig haben kann.“

  7. KI ist so ein Fortschrittsthema.
    und da sind inzwischen sogar die Konzernbosse besorgt, dass das aus dem Ruder läuft.

    So visionäre wie Musk sind gut und wichtig, aber man sollte sich auch vor blindem Fortschrittsglauben hüten.

    Bei dem Foto musste ich auch Zurück in die Zukunft denken.
    Echt guter Film. hab ihn vor ein paar Jahren meinen Kindern gezeigt. Sie fanden ihn auch gut und wollten dann auch gleich die 2 anderen sehen.

  8. „Alle sagten, es geht nicht.

    Dann kam einer, der das nicht wußte und es einfach gemacht hat“.

    Wenn stets die Ober- und Hauptbedenkenträger recht behalten hätten, würde die Menschheit immer noch in Höhlen leben, entweder trommeln oder Rauchzeichen versenden und ganz sicher weder mit dem „Dampfroß“ noch mit etwas Fliegendem durch die Gegend sausen.

    Und wir würden auch heute noch mit maximal 30 elendig zugrunde gehen …

  9. „Und wir würden auch heute noch mit maximal 30 elendig zugrunde gehen …“

    Werter H.K.

    Momentan schaffen es weltweit über 70 Millionen Menschen nicht eimal mehr ihre Geburt zu erleben. Da helfen fliegende Autos auch nichts mehr.

  10. Also, ich als Ingenieur empfinde dieses Auto als sehr inspirierend. Der Clou daran ist ja nicht das Auto, sondern der Antrieb. Wenn der wiederverwendbar ist und ohne Rauch, Lärm und Gestank selbst ein Auto zum Fliegen bringt und sich dabei präzise navigieren lässt, während man daneben stehen kann, ist das doch eine tolle Sache.

    Und ich kann mir sehr gut vorstellen, dass sich damit, etwa auf Baustellen, viele Probleme sehr elegant lösen lassen könnten. Ich mag zwar zwar keine Windkraftwerke, aber damit wäre es doch z.B. denkbar, dass man nicht den halben Wald roden muss, um Zufahrten für den Kran zu schaffen.

    Das Beste finde ich dabei den Kommentar von Lauterbach. Wie kann sich jemand, der so wenig Vorstellungsvermögen hat, eine geistige Führungsrolle anmaßen?

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