Einkaufen im untergehenden Deutschland
Da wir das Fachmedium für das bürgerlich-konservative Bildungsbürgertum sind, muss ich Ihnen nicht erklären, dass heute Totensonntag ist. Sie sind schlau, gebildet und sympathisch, deshalb schreibe ich auch so gerne für Sie.
Der Totensonntag, offiziell auch Ewigkeitssonntag, ist ein ganz wichtiger Gedenktag im evangelischen Kirchenjahr. Er wird jedes Jahr am letzten Sonntag vor dem ersten Advent begangen und markiert das Ende des Kirchenjahres.
Am Totensonntag gedenken die evangelischen Christen ihrer verstorbenen Angehörigen und Freunde. Viele Menschen besuchen heute die Gräber ihrer einstigen Lieben auf den Friedhöfen, schmücken sie mit Blumen, Kränzen und Lichtern. Fortgeschrittene folgen nicht nur einer Tradition, sondern nehmen sich einen Moment die Zeit für ein stilles Gebet. Denn, ich wiederhole mich vielleicht, Totensonntag ist ein christliches Fest für die Protestanten, die Katholiken haben Allerseelen immer am 2. November.
Der Totensonntag ist in mehreren Bundesländern ein sogenannter „stiller Feiertag, d. h. Konzerte oder Partys sind nicht erlaubt, was zweifellos manch religiös unmusikalischen Mitbürger wieder empören wird. Mich nicht, ich finde es wohltuend, wenn an zwei Tagen im Jahr mal etwas Ruhe herrscht – das ist auch gut für unsere Allgemeinverfassung und Gesundheit. Totensonntag und Karfreitag kann man mal auf Disko- oder Sportsbar verzichten.
Mit dem heutigen Tag geht es richtig los
Nächste Woche ist der 1. Advent, vom lateinischen „Adventus (domini)“, das bedeutet „Ankunft (des Herrn)“. Christen bereiten sich ab jetzt auf das groß Fest der Geburt Jesu Christi vor, das wir dann an Weihnachten feiern. Aber der Hinweis darauf könnte Teile der Bevölkerung verunsichern.
Alles, was ich hier beschreibe, ist für viele Menschen leider nur Theorie.
Denn die Wahrheit ist, dass es unmittelbar nach den Sommerferien in den ersten Supermärkten bereits Lebkuchenherzen und Marzipankartoffeln zu kaufen gibt. Ehrlich, Leute, wer Ende August Marzipankartoffeln kauft, der hat die Kontrolle über sein Leben komplett verloren.
Auf dem Nachhauseweg aus Berlin gestern kam ich im Auto an einem Ausfahrtschild vorbei, auf dem „Havelpark“ stand, das ist ein mehr als beachtliches Einkaufsparadies in einem Ort, der allen Ernstes Dallgow-Döberitz heißt und vor dessem Rathaus gelegentlich die Regenbogenfahne der Schwulenbewegung gehisst wird. Man ist also modern in Dallgow-Döberitz.
In Amerika nennt man sowas wie den „Havelpark“ eine „Mall“, nicht einfach ein Netto-Markt oder Aldi, sondern ein gigantisches Einkaufszentrum mit zahlreichen Einzelhandelsgeschäften, Dienstleistungsbetrieben und Freizeitangeboten. Wenn man da reingeht, muss man im Grunde nie wieder rauskommen. Da gibt es alles. Wäre ich Ami hätte ich darüber noch zwei Etagen mit Mietwohnungen gebaut, dann muss man das Gebäude gar nicht mehr verlassen. Schlafzimmer, Kühlschrank, W-Lan, Mall – läuft.
Ich wollt gestern nur schnell noch Kaffee besorgen und fuhr auf den megagroßen Parkplatz mit Hunderten von Stellplätzen, es war gegen 18 Uhr am Samstag, und ich hatte Mühe, einen freien Platz für mein Auto zu finden.
Sie können sich nicht vorstellen, was da los war. Irre!
Weihnachtsmusik, Andrang in allen Läden, Confiserie , Feinkost, Christbaumschmuck, Lichterketten, eine Hotdog-Bude, ein blinkender Dönerstand, in der „Nordsee“ alle Tische besetzt. Und was es da alles gibt, das gibt’s ja gar nicht.
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Als ich rausschlenderte mit meinem Schächtelchen mit Tschibo-Taps und noch überlegte, mit welcher klugen Strategie ich in der nächsten Viertelstunde wohl mein Auto finden könnte, kam mir der Gedanke, wie viele der Tausenden hier am Abend wohl am Tisch sitzen und über „scheiß Deutschland“ reden, und dass wir alle demnächst dem Untergang geweiht sind durch – kreuzen Sie bitte an – Putin oder Klima, und wie schlecht es allen doch geht. Und demnächst wird der Euro abgeschafft, dieses Mal aber echt. Und dann machen Sie noch ein Fläschchen auf und Mutti holt die Marzipankartoffeln aus dem „Havelpark“…
Lichterkette schon rausgehängt?
Einen besinnlichen Sonntag wünsche ich Ihnen allen! Bleiben Sie stabil!



Die Katholiken haben am 23.11.2025 auch ein kirchliches Fest. Es heißt Christkönig.
Zum Einkaufsparadies mit gewaltigem Vorlauf gibt es die Möglichkeit, das komplett zu ignorieren. Inzwischen ist es selbst in einer solchen Mall stressig, den richtigen Laden mit dem gesuchten Produkt zu finden. Manches ist gar nicht im Sortiment, z.B. warme Kniestrümpfe. Oder wo suchen Sie kleine LED-Lämpchen?
Selbst in der Innenstadt von Düsseldorf kann die Suche nach einem warmen Pullover in einer bestimmten Farbe ohne Erfolg verlaufen.
Das ist mir alles zu stressig. Corona hat mich gelehrt, im Internet einzukaufen, denn viele kleinere Geschäfte sind verschwunden und diese großen Shopping-Center sind nichts für mich.
„Lichterkette schon rausgehängt?“ Aber ja doch, lieber Klaus. Hat ihr Anblick doch etwas ausgesprochen Wohliges, Heimeliges; insbesondere, wenn man sich in spätnachmittäglicher Dunkelheit bei Minustemperaturen auf seine Heimstatt zubewegt. „Ohne“ geht’s für mich schon lange nicht mehr…
PS: Nach vielen Jahren Weihnacht im blühenden, warmen, ja heißen Dezember der südlichen Hemisphäre erfreue ich mich an den vielfältigen Freiluft-Beleuchtungen lichthungriger Mitbürger im dunklen, kalten Deutschland nach wie vor sehr. Ich wollte sie keinesfalls missen…
Marzipankartoffeln, Lebkuchen, Spekulatius, Lichterketten? Nein. Shopping-Mall? Auch nein. Bei uns im Ort gibt es einen Aldi, Lidl, Rewe, Rossmann, Tedi und einen KIK. Und eine kleine Pizzeria, einen Dönerladen und eine Bäckereifiliale. Ende der Versorgungskette.
Och, was haben Sie denn gegen die genannten Leckereien, liebe GJ? Na ja, zu viel davon ist der Gesundheit gewiss nicht zuträglich. Von wegen sugar-intake und so. Aber schmecken tut es mir schon, das Saison-typische Kleingebäck. Und da ich weder gerne koche noch backe, decke ich mich Anfang Dezember regelmäßig mit einem hinreichenden Vorrat an hausgemachten(!) Plätzchen bei einem lokalen Charity-Projektladen ein. Diese sind, „alle Jahre wieder“, köst-lich!
Mit meinen chronischen Magenbeschwerden bekommen mir viele Sachen nicht mehr. Dazu gehört Süßes und Fettes.
Etwas off topic
@GJ
Das tut mir leid. Ich hoffe, dass Sie das Problem unter entsprechendem Verzicht zumindest(!) zufriedenstellend im Griff haben. Öfter als mir lieb ist, macht sich meine leidige Fructose-Intoleranz sehr unangenehm bemerkbar. . Wenn ich mich entsprechend einschränke, bzw. mich möglichst aller(!) Zucker enthalte, geht es mir schon nach relativ kurzer Zeit spürbar besser. Dabei esse ich (außer Süßigkeiten) frische Früchte in allen Formen und Farben ausgesprochen gerne. Obst schmeckt und soll zudem total gesund sein für den menschlichen Organismus. Mag wohl zutreffen, aber nicht unbedingt auf meinen. Schade. 🍏🍐🍒🥝🍇…
Dieser Blog ist einzigartig! 🙂
Diese Gegenüberstellung ist falsch, weil sie auf einem Kategorienfehler basiert. Und auf Annahmen, die Unterstellungen sind. Menschlich nachvollziehbar, weil Stimmungen aufeinanderprallen, die in der Gleichzeitigkeit als unvereinbar empfunden werden. Aus solchen Stimmungen können Romane entstehen, aber keine reflektierten Politikurteile.