Im Küstennebel: Wie sich Bremen zum deutschen Amsterdam entwickeln könnte

Nicht wenige Menschen sagen: Das Beste an Bremen ist die Autobahn nach Hamburg. Dem möchte ich gleich zu Beginn widersprechen. Der kleinere Bruder der beiden Hansestädte ist zweifellos eine Stadt, in der sich’s gut leben lässt. Doch Bremen hat nicht nur das malerische Schnoor-Viertel, das Delikatessen-Paradies Grashoff und die pulsierende Einkaufsmeile namens Sögestraße, sondern auch eine Menge ernster Probleme. Der Zwei-Städte-Staat aus Bremen und Bremerhaven, idiotischerweise zu einem Bundesland formiert, liegt bei vielen innerdeutschen Statistiken ganz hinten. Hohe Schulden, hohe Arbeitslosigkeit, kriminelle Familien-Clans, schlechte PISA-Ergebnisse – kein negativer Superlativ, bei dem Bremen nicht dabei ist. Mehr als 20 Milliarden Euro Schulden bei Gesamteinnahmen von wenig mehr als 3,7 Milliarden im Jahr – ein ordentlicher Batzen aus dem Länderfinanzausgleich bereits eingerechnet – das hat nicht die geringste Perspektive. Außerdem zeigt die Statistik unbarmherzig, dass Bremen von den deutschen Großstädten über 500.000 Einwohner die Stadt ist, aus der die 25- bis 30-Jährigen am stärksten abwandern. Kein Zeichen, das die Einwohner große Hoffnungen in eine Wende zum Besseren setzen.

Doch die Bremer sind stolze Hanseaten, und keine Volksabstimmung hätte an der Weser jemals Aussicht auf Erfolg, in der die Auflösung des Bundeslandes und seine Eingliederung in Niedersachsen gefordert würde. Und so behalten sie da im Norden ihren Status, ihre Landesregierung mit all den schönen Ministerien, ihren Landtag – Bürgerschaft genannt -, all die Ministerien, ein eigenes Landesamt für Verfassungsschutz, einen Landesrechnungshof und natürlich auch ein eigenes Landesverfassungsgericht. Als nicht in Bremen wohnender Bundesbürger kann man darüber den Kopf schütteln. Ändern kann man es nicht.

Doch nun hat Bremen einen neuen Bürgermeister, der dort im Norden gleichzeitig den Rang eines Ministerpräsidenten innehat. Der ein oder andere von Ihnen wird nun vielleicht denken: Ist das nicht der Scherf? Und die Älteren erwarten vielleicht, dass Hans Koschnick immer noch im Amt ist, um die beiden – neben Wilhelm Kaisen – bemerkenswertesten Männer in diesem Bremer Amt zu benennen. Aber nein, der neue Mann an der Spitze heißt Carsten Sieling, und er kommt aus der SPD. Bremer wählen immer einen SPD-Mann an die Spitze, seit 1945 ohne Unterbrechung. Klar, wenn ein Land so blendend dasteht, ist politische Kontinuität wünschenswert. Und der Neue, noch einmal: er heißt Carsten Sieling, hat jetzt, kaum im Amt, das wichtigste Problem der Hansestadt kraftvoll in Angriff genommen. Er hat angekündigt, die Droge Cannabis legalisieren zu wollen, denn deren „Kriminalisierung sei nicht mehr zeitgemäß“. Grüne, Linke und FDP finden das auch sofort ganz super und signalisierten bereits Zustimmung. Schon phantasieren die Ersten über zusätzliche Steuereinnahmen durch den legalen Verkauf der Droge, die in die Hochschule investiert werden könnten. Für jeden, der mal in der Bremer Exzellen-Universität war und dort den leichten süßlichen Duft bemerkt hat, der in vielen Gängen unüberriechbar ist, ein absolut logischer Gedanke.

Ich meine, Bremen sollte ein umfangreiches Geschäftsmodell aus Sielings Initiative machen, das den Zwei-Städte-Staat endlich wieder nach vorn bringt. Bremen als Deutschlands Amsterdam. Coffeeshops statt Eisdielen im Schnoor-Viertel, zum Hafenfest statt Shantychören Bob Marley-Coverbands und überall „Rauchen erlaubt“-Schilder mit der stilisierten Cannabispflanze drauf. Das würde den Tourismus enorm ankurbeln, und vielleicht könnte jemand für viel Geld sogar dem Inhaber eines schleswig-holsteinischen Spirituosenherstellers die Marke „Küstennebel“ abkaufen und mit neuem Leben füllen. Ideen muss man haben, dann kann Politik auch heutzutage noch etwas bewegen.

Kleiner Nachtrag: Die Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Marlene Mortler: „Mir ist wichtig, dass unsere Kinder gerade in der Zeit, in der sie ihre volle Energie am nötigsten brauchen, sich nicht durch den Konsum illegaler Drogen gefährden. Die Studienergebnisse der letzten Jahre zeigen: Es gibt keine Belege dafür, dass Cannabiskonsum unbedenklich ist. Im Gegenteil: Gerade Jugendliche sind nachweislich besonders gefährdet.“

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Dieser Artikel wurde 6 mal kommentiert

  1. Alexander Droste Antworten

    Aus verschwiemelten Augen lugend und lässig lächelnd wird demnächst der Bremer als besonders freundlicher Mensch in die Fremdenführer Einzug finden. Alles easy! Torismus ist dann beizeiten das letzte wirtschaftliche Standbein Bremens, oder?

  2. S v B Antworten

    Wenn ich die sich abzeichnende Entwicklung in unseren Großstädten betrachte, könnte ich mir vorstellen, dass Bremen lediglich eine Vorreiterrolle übernommen hat. Hier kann schon mal an einem Praxismodell studiert werden, wie sich das Leben in einigen Jahren in allen deutschen Großstädten gestalten wird.

    Wenn Cannabis nur nicht so schrecklich durstig machen würde! Da empfiehlt es sich, gleichzeitig noch jede Menge Alkohol in sich hinein zu kippen. CaKoSa eben, Cannabis-Koma-Sa sozusagen. Ich halte mich oft längere Zeit in einem Land auf, in dem der gleichzeitige Konsum der beiden „Genussmittel“(?) sehr gefürchtet ist. Führt dieser offenbar zu unkontrolliert aggressivem Verhalten, bei dem es – je nach Situation – sogar zu Tötungsdelikten kommen kann.

    Dass Cannabis zur Linderung des Leidens Schwerkranker zugelassen werden muss, steht für mich außer Frage. Allerdings sehe ich selbst in Bremen, dem schwer angeschlagenen, unheilbar kranken Stadtstaat, keinen flächendeckenden Bedarf.

  3. Büsch, Peter Antworten

    Wenns nicht so kompliziert wäre: „Brexit“!
    Aber Niedersachsen würde sich bei solchen Schulden wohl sehr bedanken.
    Peter Büsch

  4. Dieter Krüll Antworten

    Vergleiche zur aktuellen Situation in Griechenland liegen auf der Hand.
    Schulden, Schulden und nochmals Schulden, unmögliche, wenn nicht sogar lächerliche Regelungen und Gesetze, vor allem aber weiter so! Schließlich sind wir ein besonders stolzes, hanseatisches weltoffenes Völkchen.
    Auf unseren Stolz müssen die anderen Rücksicht nehmen und zahlen!

    Dieter Krüll
    Neuss

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