Sie wissen, ich mag die Rheinische Post. Ich lese sie seit langem, und ich lese sie gern. Der heutige Beitrag „Kita schlägt Betreuungsgeld“ hat mich allerdings sehr geärgert, stellt er doch die Realitäten auf den Kopf bzw. zieht Schlussfolgerungen, die nicht der Faktenlage entsprechen. Gegen massiven Widerstand von SPD und Grünen wurde von der schwarz-gelben Bundesregierung 2013 das Betreuungsgeld eingeführt, um damit die Mehrheit der Familien im Land, die für ihre ein- und zweijährigen Kinder keine staatliche Verwahrung wünschen, zu unterstützen. Während die neue Sozialleistung in den südlichen Bundesländern, vorbildlich wieder einmal Bayern, offensiv angeboten wird, machen die rot-grünen Länder nur mürrisch bis lustlos mit. Ich kenne Geschichten aus unserem Freundeskreis, wo junge Familien eine wahre Odyssee hinter sich bringen mussten, um überhaupt zu erfahren, wo und wie man das Betreuungsgeld beantragen kann. Doch der Autor des RP-Artikels erwähnt diese Hindernisse nicht, sondern schreibt, dass es in NRW bislang „nur 97.375 Anträge“ gegeben habe. Nur! Fast 100.000 Familien in NRW erhalten zusätzliches Geld. Das ist also ein Misserfolg? Und der Autor schreibt weiter: „Damit scheint sich die Kita als Betreuungsmodell für unter Dreijährige durchzusetzen.“ Kennt er den Unterschied zwischen Kita und Krippe also gar nicht? Kleinkinder, Babys kommen in die Krippe, nicht in die Kita. Und natürlich gibt es auch in Nordrhein-Westfalen deutlich mehr Eltern, die in den beiden ersten Lebensjahren ihre Kinder selbst erziehen, als Eltern, die ihre Kinder schon nach wenigen Monaten in den Krippe geben – oft übrigens, weil sie es aus beruflichen Gründen müssen, nicht weil sie es wollen. Auch darüber schreibt der Autor nichts. Und über die Kritik an ungünstigen Gruppengrößen in Krippen, überforderten Erzieherinnen und vor allem völlig unflexiblen Betreuungszeiten schon mal gar nicht. Aber „Kita schlägt Betreuungsgeld“. Das ist Journalismus, wie er nicht sein sollte.

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Dieser Artikel wurde 4 mal kommentiert

  1. Margit Oesterling Antworten

    Die Befürworter der Kitas für U 3- Kinder sind doch überwiegend Menschen, die solche Einrichtungen selber in Anspruch nehmen oder sie – bzw. ähnliche Angebote, wie Tagesmütter – in der Vergangenheit selber in Anspruch genommen haben. Sollte bei diesen Personen so etwas wie der Versuch einer eigenen Rechtfertigung durchklingen?
    Ich war aus finanziellen Gründen selber gezwungen, bei meinem ersten Kind berufstätig zu sein, weil der Vater noch in der Ausbildung und ich mitten im zweiten Staatsexamen war. Ich bereue noch heute jede Stunde, die ich nicht mit meinem Kind verbracht habe. In den ersten Lebensjahren entstehen die Bindungen, die später für das ganze Leben ihre Tragfähigkeit beweisen müssen, z. B. wenn es um die Pflege der alten Angehörigen geht. Für jeden U3-Platz brauchen wir demnächst einen Pflegeheimplatz mehr.

  2. heribert jopich Antworten

    Warum lassen wir die Familien nicht selbst entscheiden, ob Kita, Krippe oder Betreuungsgeld. Wie immer versucht man in Deutschland den „Staat“ als Heilsbringer anzupreisen. 1. Haben wir schon mehr als genug „Staat“ und 2. Wer ist denn der Staat?! – Ich war als Junge kurzzeitig im Kindergarten. Da er mich abstiess, habe ich ihn nach wenigen T<gen als kleiner Knirps verlassen. Meine Eltern haben es akzeptiert. Mir ging es zu Hause besser als im Kindergarten.

  3. St.Ex Antworten

    Ich denke die Prioritäten sind falsch gesetzt. Natürlich sind Kinder- und Jugendbetreuungen, egal in welcher Trägerschaft, zu begrüßen. Früher waren es die Pfadfinder, die Meßdiener, Schützenbruderschaften und die örtlichen Sportvereine. Leider war die Auswahl nicht sehr groß, gerne hätte ich noch etwas anderes gemacht, aber das gab es hier nicht. Ich denke auch ohne Unterstützung der Trägervereine und des Staates sowie der Kirchen können viele Eltern, sei es aus finanziellen Gründen oder auch bildungsmäßig, ihren Kindern dies nicht immer bieten. Es kann nicht schaden, wenn z. B. musisch begabte Kinder die Musikschule besuchen, auch weil die Eltern für ihren Filius einen privat Unterricht nicht bezahlen könnten. Außerdem ist es auch nicht schlecht, wenn die lieben Kleinen „mal in der Reihe mitmarschieren müssen“, statt nur von Oma und Opa „versorgt“ ´zu werden. Als „Ergänzung“ zur elterlichen Erziehung ist dies m. E. zu begrüßen.
    Aber die Eltern, die ihre Kinder in den Betreuungsstätten abgeben, w eil sie keine Zeit für sie haben ist das Letzte. Die Gründe warum sie keine Zeit haben spielen überhaupt keine Rolle. Wer Kinder hat weis dies ja in der Regel im Voraus, trotz allen Fortschritts sind es immer noch mindestens 9 Monate und bezüglich der Planung stelle ich fest war ja auch noch nie so einfach wie heute.
    Ich halte es mit dem Fuchs in Saint-Exupéry Kleinem Prinzen, der da sagte:
    „Die Menschen haben diese Wahrheit vergessen…Du bist zeitlebens für das verantwortlich, was du dir vertraut gemacht hast…“
    Diese Verantwortung, hier die für die eigenen Kinder, läßt sich nicht auf andere abschieben.

  4. Gertrud Gisbertz Antworten

    Auch mich hat der Artikel in der RP maßlos geärgert.
    Klaus Kelles Kommentar dazu bringt es auf den Punkt.
    Es ist immer das Gleiche – auch in der RP: Der Zeitgeist wird bedient.
    Das ist wirklich kein professioneller Journalismus.
    Im übrigen vermisse ich die Freitags-Kolumne „Politisch inkorrekt“ von Herrn Kelle sehr. Wenigstens dadurch wurden die Leser wahrheitsgemäß informiert.

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