Wie lange ist es Investigativjournalismus, ab wann ist es Landesverrat?

Zwei Trauzeugen, vier Gäste, ein Kuchen, die Braut trägt ein Kleid von Vivienne Westwood, der Bräutigam einen Kilt.

Klingt nach einer runden Sache, die Hochzeit von Wikileaks-Gründer Julian Assange und seiner Verlobten Stella Moris, die er während seines siebenjährigen Asyls in der Londoner Botschaft Ecuadors kennen- und liebengelernt hat.

Das Problem allerdings: Die Eheschließung findet im Londoner Hochsicherheitsgefängnis Belmarsh statt, und alle Gäste müssen unmittelbar nach der Zeremonie die Location wieder verlassen. Assange und Moris werde dann „eine kurze Zeit der Zweisamkeit erlaubt“, heißt es, und ich will gar nicht darüber nachdenken, was damit wohl gemeint sein könnte.

Dem 50-jährigen Assange drohen – sollte er an die USA ausgeliefert werden – bei einer Verurteilung bis zu 175 Jahre Haft. Denn er soll – ich glaube, man darf sagen er hat – gemeinsam mit einer Whistleblowerin namens Chelsea Manning geheimes Material von US-Militäreinsätzen im Irak und in Afghanistan gestohlen und veröffentlicht. Damit hätten die Beiden das Leben von Amerikanern in Gefahr gebracht, lautet der Vorwurf.

Seine Unterstützer sehen in Assange einen Helden, der – inestigativ und unter großen Risiken – Kriegsverbrechen aufgedeckt hat.

Ich muss zugeben, ich tue mich mit dem gebürtigen Ausstralier Assange  schwer. Natürlich ist es gut, wenn Kriegsverbrechen aufgedeckt werden, keine Frage. Und die Causa Assange hier in vollem Umfang zu schildern, würde jeden uns möglichen Rahmen sprengen. Sein Werdegang als Blogger, seine Verstrickung in eine New Age-Sekte, der „Haftbefehl in Schweden wegen Vergewaltigung“, die Flucht in die ecuadorianische Botschaft in London, die Drohungen bekannter US-Konservativer wie Limbaugh und Huckebee in Amerika, Assange hinzurichten zu lassen, wenn man seiner habhaft werde, Sie kennen die ganze Geschichte zumindest in groben Umrissen und die Videos und Veröffentlichungen von Manning über die Kriege auch. Denken Sie nur an den gefilmten Drohnenangriff auf eine Gruppe Zivilisten, die einfach irgendwo an einer Straße standen, ich meine, es war im Irak!

Nein, mein Thema hier ist: Wo fängt Investigativjournalismus an, der Verbrechen ans Licht bringt, und wo ist es Geheimnisverrat? Denn Manning hat geheime Unterlagen gestohlen, an Assange weitergegeben, der sie dann weltweit veröffentlich hat. Und keine Armee der Welt, kein Staat betrachtet so etwas als einen gut gemeinten Akt der Nächstenliebe. Denn natürlich wird durch solche Veröffentlichungen auch das Leben von Beteiligten gefährdet.

Aber eine westliche Demokratie muss andere Maßstäbe anlegen als…sagen wir…andere Länder, wo Leute wie Assange längst mit Nowitschok im Tee verschieden wäre oder Manning beim Joggen versehentlich in den Kopf geschossen worden wäre. Andere Länder haben andere Sitten.

Aber, wenn – nur als Beispiel – ein Offizier oder ein Geheimdienstler einer fremden Macht zu uns überläuft und Geheimdokumente mitbringt, dann feiern wir diese Leute – zu recht. Weil es ja der Sicherheit des eigenen Landes dient, die Sauereien des Gegners zu kennen und reagieren zu können. Aber was ist mit den Sauereien des eigenen Teams? Also richtige Verbrechen, ungerechtfertigte Tötungen, die objektiv nicht erlaubt sind? Warum muss jemand, der das aufdeckt, 175 Jahre in eine Zelle oder gar auf den Elektrischen Stuhl?

Es müsste ein Verfahren geben, wo ein Whistleblower, der etwas Relevantes zu erzählen hat, die Informationen an den richtigen Stellen abwirft, ohne persönlich haftbar zu sein. Und wenn so ein Weg geschaffen würde, müsste es ja nicht der globalen Öffentlichkeit erzählt werden, sondern Ermittlern, die dann die Schuldigen zur Verantwortung ziehen.

Aber haben wir alle, hat das globale Dorf dann nicht dennoch das Recht, davon zu erfahren, was ihre Staaten, was ihre Vorturner so machen? In was sie verwickelt sind? Und wofür man vielleicht eine Regierung auch mal aus dem Amt jagen müsste?

Es gibt keine einfach Lösungen, wenn man etwas rechtsstaatlich, transparent, korrekt machen will. Der Facebook-Stammtisch kann in Schwarz und Weiß einteilen. Demokratische Rechtsstaaten können das nicht, was sie ja von den undemokratischen Staaten positiv unterscheidet. Manning und Assange sind Verräter, sie haben geheime Dokumente und Videos veröffentlicht, was sie bei Strafandrohung nicht dürfen. Aber sie haben gleichzeitig schwere Verbrechen aufgedeckt, was richtig und bewundernswert ist. Und für was man weder hingerichtet noch 175 Jahre eingesperrt werden sollte.

Herzlichen Glückwunsch zur Hochzeit übrigens, Julian und Stella!

Bitte helfen Sie uns, unsere Arbeit leisten zu können und viele Menschen zu informieren, was wirklich los ist da draußen! Bitte spenden Sie auf PAYPAL hier oder durch Überweisung auf unser Konto bei der Berliner Sparkasse DE18 1005 0000 6015 8528 18 !

 

image_pdfimage_print

Dieser Artikel wurde 15 mal kommentiert

  1. Angelika Antworten

    Ob wirklich Menschen durch die Veröffentlichungen gefährdet wurden, weiß ich nicht. Das wäre natürlich schlecht.
    Aber grundsätzlich neige ich dazu, dass bekannt wird, was ist. Selbst wenn es meine AfD negativ betreffen würde. Dieses einfach veröffentlichen was ist finde ich allgemein gut. (Wenn es relevant ist. Nicht wenn die 12jährige Schülerin einen Schokoriegel im Supermarkt gestohlen hat.)
    Den darauf folgenden Haltungs-, Empörungs-, Elends-, Moral-Journalismus finde ich zum K… .

  2. Alexander Droste Antworten

    Assange ist schon allein kein Verräter, weil er nicht Teil der Gruppe ist, die Kriegsverbrechen begangen hat. Auch Snowden ist ein Fall, der den Hochverrat öffentlich gemacht hat. Hier werden die Falschen gejagt und bestraft. Diejenigen, die hier zu bestrafen sind, treiben und gerade in einen veritablen Krieg gegen Russland.

    Wir brauchen viel viel viel mehr Assange und Snowden, damit die eigentlichen Verbrecher aus der Welt derer, die friedlich leben wollen, ausgesondert werden.

  3. H.K. Antworten

    Ich denke, es ist längst überfällig, die Welt nicht mehr ausschließlich in „Gut“ und „Böse“ einzuteilen.

    Ein Land, das die Todesstrafe wieder einzuführen diskutiert, darf auf keinen Fall in die EU.

    Ein Land, das die Todesstrafe verhängt und durchführt, ist unser wichtigster Verbündeter.

    Ein Land, das foltert, wird lautstark verurteilt.

    Ein Land, das Gefangene ohne Gerichtsverfahren und ohne Urteil jahrelang inhaftiert und „water boarding“ mit ihnen betreibt, Scheinhinrichtungen durchführt, ist unser wichtigster Verbündeter.

    Und niemand aus unserer Regierung prangert da irgend etwas an.

    Jeder findet James Bond als 007 toll und fiebert bei den Missionen mit.
    Bei Licht betrachtet, ist er ein von der Regierung bezahlter Auftragskiller.

    Es ist alles eine Frage der Sichtweise und des Standpunktes.

    Selbstverständlich handeln die USA stets aus den „richtigen“ Gründen und im Interesse der „freien Welt“.
    Wenn wir mal die andere Seite fragen, so handelt sie selbstverständlich auch aus den „richtigen“ Gründen.

    Und ebenso selbstverständlich ist es völlig richtig, der ganzen Welt UNSERE Werte und UNSERE Vorstellung von Demokratie zu exportieren.

    Abe eben nur aus UNSERER Sicht. WOLLEN andere Länder das alles wirklich ?

    Wer sagt denn, daß WIR alle „richtig“ denken und ALLE Länder nach UNSEREM Vorbild zu leben haben ?

    Wo überall auf der Welt herrscht nach dem Eingreifen der USA anschließend Chaos und Durcheinander, Bürgerkrieg und Unterdrückung ?

    Es ist längst überfällig, daß wir aufhören, die EINEN nur als „die Guten“ und die ANDEREN nur als „die BÖSEN“ anzusehen.

      • H.K. Antworten

        Das alles heißt in keiner Weise, daß ich auch nur das geringste Verständnis für den derzeitigen Angriffskrieg, den Überfall, auf die Ukraine hätte.

        Für das sinnlose Töten von Frauen, Kindern, Alten, von ALLEN Menschen, gibt es m.E. keinerlei Rechtfertigung.

        Und ja, zu all diesen Menschen gehören selbstverständlich auch die russischen Soldaten, die sinnlos von Putin in den Tod geschickt wurden und werden, ohne das Leben wirklich kennengelernt zu haben.

        JEDER Tote ist einer zuviel.
        ( Ich spare mir bei diesem wichtigen Thema das „korrekte“ Gendergagablubbern ).

  4. S v B Antworten

    Das Maß, nachdem geurteilt wird. ist stets fließend und richtet sich regelmäßig an Opportunität aus. Im Grunde gehört auch der umstrittene Ankauf der Steuerunterlagen durch Herrn Walter-Borjans in eine ähnliche Schublade. Nur wenn sie den „den Richtigen“ nützt, wird eine, und sei es auch die unmoralischste, Aktion sanktioniert. Ha, wie praktisch und willkommen ist doch gerade in solchen Zusammenhängen die Doppeldeutigkeit des Begriffs. – Auch mir fällt ein endgültiges Urteil über Herrn Assange schwer, verdammt schwer. Vermutlich werde ich mich auch nie zu einem solchen durchringen können. Schließlich gab es auch hier zwei Seiten mit jeweils legitimen Interessen. Also mache ich es mir leicht und sage Wie gut, dass ich über Herrn Assanges weiteren Lebensweg nicht zu entscheiden habe. Vielleicht wird man ihn ja irgendwann doch einmal begnadigen. Böse wäre auch ich darüber ganz sicher nicht. Dem Brautpaar wünsche ich jedenfalls Glück und Gottes Segen, so wie es sich eben gehört.

    • H.K. Antworten

      Wie sehr schillernd der Begriff „Wahrheit“ oder auch „Demokratie“ ist, haben wir doch deutlich in der Ära unserer Rautenmutti erlebt.

      Man regt sich in Presse, Rundfunk und Fernsehen über „manipulierte Wahlen“ in anderen Ländern auf.

      Man berichtet entsetzt über das Zusammenknüppeln von Demonstranten – in anderen Ländern.

      Man fordert Demokratie „allüberall auf den Tannenspitzen“.

      Und wenn in Deutschland demokratische Wahlen – ob einem das Ergebnis nun passt, oder nicht – mal eben kurzerhand „rückgängig“ gemacht werden sollen und dann tatsächlich gemacht werden, wenn in Deutschland sogenannte „Coronaleugner“ z.T. von unseren „Freunden und Helfern“ zu Boden geschubst werden, auch Ältere, oder sogar mit „Mehrzweckstöcken“ traktiert werden, wenn in Deutschland demokratische Parteitagsbeschlüsse ( CDU, Doppelpaß ) von der „großen Vorsitzenden“ mal eben einkassiert werden ( „mit mir nicht“ ), DANN, ja DANN – dann regt sich NIEMAND auf.

      Weder die „freie“ Presse, der Öffentlich Rechtliche Rundfunk oder sonst jemand.

      Wie war das noch mit dem „Splitter im Auge des Anderen“ ??

      Ach ja:

      Und wenn unser neuer „Wirtschafts- und Klimaminister“ mit tiefem Bückling dem Emir von Katar, dem man noch bis vor kurzem wegen Menschenrechtsverletzungen am liebsten die Fußball-WM wegnehmen wollte, sein Gas abzukaufen begehrt, dann wird das allenfalls am Rande zur Kenntnis genommen.

      Als Nächstes wird dieser Emir sicherlich von unserem „Feine-Sahne-Fischfilet“-Staatsoberhaupt mit Tschingderassasa empfangen.

      Wär‘s nicht ein wenig weit weg, hätte Euro-Uschi ihm sicher schon die Mitgliedschaft in der EU angetragen.

      • S v B Antworten

        Bisweilen kann ich mich des Eindrucks nicht erwehren, dass die arabischen Herrscher westliche Politiker nicht so ganz ernst nehmen könnten. Mir erscheinen sie meist ausnehmend ernst, stolz, distanziert und für den westlichen Besucher wohl eher undurchschaubar. In ihren traditionellen weißen Gewandungen stehen oder sitzen sie mit meist nur wenig bewegter Miene ihrem westlichen Gast gegenüber. Auf mich wirken sie dabei ebenso würdig wie letztlich unergründlich. Auch das Foto mit Herrn Habeck, dem in untertäniger Pose verharrenden Sonderbotschafter der westlichen Werte im arabischen Raum hat mir wiederum diesen Eindruck vermittelt.

  5. John Brunswick Antworten

    Für den einen ein Terrorist, für den anderen ein Freiheitskämpfer.
    Alles eine Frage des Standpunktes. Aber welcher ist der richtige?

  6. KJBKrefeld Antworten

    Erfuhr gerade aus den Navhrichten, daß Adolf Putin bedingungslos zu den Lieferverträgen für Öl und Gas an Deutschland steht, allerdings nur gegen Bezahlung in RUBELN. Diese sind nur bei der russischen Staatsbank erhältlich, die vom Swift System ausgeschlossen ist. Der Putin ist ein ausgebuffter Typ. Damit hat sicher keiner der Embargo Strategen im Westen gerechnet, schon gar nicht Herr Habeck. Somit hann man Herrn Putin die Worte in den Mund legen: „Nun kiekt mal, wie sie kiehen“ , oder anders ausgedrückt er will Rubel, braucht keine Devisen.

  7. S v B Antworten

    „Damit hat sicher keiner der Embargo Strategen im Westen gerechnet, schon gar nicht Herr Habeck.“ – In der Tat, es sieht ganz danach aus, werte/r KJBKrefeld. Allerdings kommentierte ich erst kürzlich, dass zur Planung und Ausrichtung internationaler, durch Strategien geprägter Politik noch mehr an Grips vonnöten ist als beim Schachspiel. Wenn wirklich keiner, nicht mal einer der westlichen Meister-Strategen die Möglichkeit Putins zu einer solchen Maßnahme schon im Vorfeld erkannt – und bei der Sanktions-Planung mit ins Kalkül gezogen – haben sollte; wenn Putins „kapriziöse“ Forderung nach einer Bezahlung der russischen Gasrechnungen in Rubel für den Westen quasi ein Überraschungsei bedeutete, na dann gute Nacht.

    • H.K. Antworten

      Dummland

      Blödland

      GerMoney

      Dem ist nichts hinzuzufügen.

      ( Da forderte bei Maischner/ Illberger gestern abend tatsächlich Gerhard Baum „Naja, eine Flugverbotszone könnte man zumindest ja mal androhen“.
      Wer etwas androht, muß es im dümmsten Fall auch durchsetzen. Auch nicht wirklich zu Ende gedacht … )

      • TS Antworten

        Derartige Forderungen sind nichtmal vom Anfang her gedacht, das sind nicht als naive Forderungen von in einer dekandenten Wohlstandsblase verblödeten Wunschdenken-Besserwissern:

        Wer sich in guten Zeiten nicht um ein solides Fundament aus vielseitigen Beziehungen, robuster Infrastruktur im zivilen und militärischen Bereich, glaubwürdige Neutralität und ein gutes Maß an belastbarer Autarkie gekümmert hat steht mit leeren Händen da wenn er in schlechten Zeiten Handlungsfähigkeit zeigen will:
        Der Zahltag für die Fehlentscheidungen der 90er und frühen 2000er ist da.
        Derjenige für die späten 2000er hat auch schon angefangen.

      • S v B Antworten

        Betr. die Aussage von Gerhard Baum. Meine Güte, selbst Eltern wissen, wie lehr- und segensreich sich konsequentes, verlässliches Reden und Handeln, kurz Glaubhaftigkeit, auf die Entwicklung ihrer Sprösslinge auswirken wird. Keinem ist geholfen, wenn Signale, die unüberlegt ausgesendet wurden, schon bald wirkungslos am Nachthimmel verglühen. Deshalb ist man gut beraten, sich vorher stets gründlich zu überlegen, welche Signale man aussenden will. Umso mehr in einer solch hochexplosiven Situation. Deshalb ist Baums Vorschlag bestenfalls als naiv zu bezeichnen. Auch für mich völlig unverständlich.

Schreiben Sie einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.