SPD halbiert, AfD verdoppelt – Grüne und CDU regieren: Die Wahl im Südwesten im Überblick

Manchmal passiert ein Wunder. Ich habe es in den vergangenen 45 Jahren hin und wieder erlebt, dass man spät am Abend mit einem Wahlergebnis einschläft und dann am kommenden Morgen mit einem anderen Wahlergebnis aufwacht. Das passiert selten, aber es passiert.

Ich gebe zu, als ich gestern schlafen ging, erlebte ich einen kurzen Moment, in dem ich dachte: Vielleicht, ganz vielleicht, klappt es ja doch noch. Aber nicht verscheuchen ließ sich leider die Ratio. Drei Prozent Vorsprung – das kann nicht durch das abweichende Wahlverhalten der Briefwähler oder Nachzählen in Wahllokalen eingeholt werden. Das ist zu viel.

0,5 Prozent fehlten der CDU letztlich, um nach 15 Jahren wieder das Steuer der einstigen CDU-Hochburg im Südwesten übernehmen zu können.

Das ist bitter für die Union, aber hey: So ist Demokratie

Ich bin gespannt, ob Frau Wagenknechts Putin-Lobbyverein namens BSW, das gestern 1,4 Prozent der Stimmen errang, jetzt noch einmal nachzählen lassen wird. Und ganz ehrlich: Ich bin froh, dass die Sozialisten von BSW und Linke es nicht in den Landtag geschafft haben.

Bei den Freien Demokraten bin ich traurig. Sie waren immer drin im Stuttgarter Landtag, seit 1949. Und sie passen einfach zum Ländle, zu den Häuslebauern, denen man nachsagt, wie fleißig und bodenständig sie hier seien. Aber letztlich reichte es nicht, obwohl die Umfragen noch kurz vorher erfolgversprechend aussahen für die FDP. Aber um die Grünen und einen Ministerpräsidenten Özdemir zu verhindern, entschieden sich kurz vor der Wahl offenbar viele Liberale noch, die bei der vergangenen Wahl FDP gewählt hatten, dieses Mal doch für die CDU von Manuel Hagel zu stimmen. Und erstaunlich: Selbst von den Grünen flossen rund 100.000 Stimmen zur CDU, noch mehr aus dem Lager der Nichtwähler, etwa 135.000. Gleichzeitig verlor die CDU auch an die Grünen. Man wird langsam zu einer großem politischen Familie…

Die einzige Partei, die aus allen Lagern Stimmen dazugewonnen hat, das war gestern Abend die AfD

Selbst von den Grünen gab es einen bescheidenen Zufluss, von SPD, FDP, CDU – die AfD sammelt Stimmen ein und verdoppelt sich gegenüber der Wahl vor fünf Jahren auf 18,8 Prozent. Ein deutliches Signal, dass die Unzufriedenheit mit den etablierten Parteien auch im Ländle wächst, wo die Sonne scheint, der Daimler schicke Autos baut und der Trollinger in Strömen fließt. Ich kann es heute noch nicht demografisch belegen, aber ich bin überzeugt, dass das Thema Nummer eins für das blaue Fünftel der Gesellschaft weiter die Migration und die Kriminalität sind. Wir werden es vielleicht noch erfahren.

Die SPD ist wieder drin – Halleluja!

5,5 Prozent verloren, 5,5 Prozent gehalten. Würde ich in Baden-Württemberg leben, mir fiele kein Grund ein, warum man die traditionsreiche einstige Arbeiterpartei heute noch wählen sollte. Wenn ich kurz nachdenke: Mir fällt überhaupt kein Grund ein, warum man noch diese SPD wählen sollte.

15 Parteien standen übrigens im Südwesten gestern auf dem Stimmzettel, die üblichen Verdächtigen: Freie Wähler, Tierschutzpartei, Volt und Bündnis C. Gut, die Freien Wähler haben noch respektabel fast zwei Prozent geschafft, aber warum treten all die anderen kleinen Parteien bei einer so engen Wahl überhaupt an, bei der ohne jeden Zweifel klar ist, dass sie viel Arbeit und Geld investieren, aber nicht den Hauch einer Chance beim Wahlvolk haben?

So wie die konservative WerteUnion (WU), die mit ihrem Spitzenkandidaten, dem ehemaligen AfD-Chef Jörg Meuthen, gerade einmal 0,2 Prozent einsammeln konnte? Als Hobby? Gut, andere spielen Golf oder bauen im Keller eine Carrera-Bahn auf – aber was soll das noch?

Der Berliner „Tagesspiegel“ ist heute Morgen in einer „Wahlanalyse“ zu dem Schluss gekommen: Die Grünen hätten jetzt alle Koalitionsmöglichkeiten in Baden-Württemberg. Da musste ich das erste Mal heute früh richtig lachen.

Denn die Grünen haben nur eine einzige: die CDU

Rechnerisch heißt ja nicht automatisch, dass etwas anderes wirklich machbar wäre. Weder die Grünen noch die CDU werden mit der AfD auch nur Gespräche über eine Zusammenarbeit führen. Als AfD-Spitzenkandidat Markus Frohnmaier gestern im Fernsehinterview mit Özdemir und Hagel dem CDU-Mann wieder den vergifteten Apfel reichte, man könne doch jetzt mal so richtig eine konservative Regierung bilden, antwortete Nagel nicht einmal auf das Angebot. Und ab heute wird die AfD wieder das Netz mit der Mär fluten, die böse, böse CDU wolle ja lieber die Grünen als eine vernünftige Politik. Und sie werden jeden kleinen Einwand entrüstet zurückweisen, dass das auch etwas mit dieser AfD und sogar Herrn Frohnmaier zu tun haben könnte, der sich in der Fernsehdebatte der Spitzenkandidaten gar nicht schlecht geschlagen hat.

Aber ein Spitzenpolitiker der AfD, der ankündigt, er werde demnächst als Ministerpräsident nach Moskau fliegen, um die Wirtschaftsbeziehungen zwischen Baden-Württemberg und dem Kreml mal wieder so richtig in Schwung zu bringen, der bewegt sich am Rande der Lächerlichkeit.

Bleiben wir also in der Realpolitik, und die ist trostlos genug.

In Baden-Württemberg wird es auch in den kommenden fünf Jahren keine signifikanten Schritte in Richtung eines Politikwechsels geben. Cem Özdemir wird nicht alles falsch machen, Vize Hagel im Beifahrersitz ist jetzt ein bundesweit bekanntes, frisches CDU-Gesicht, das seine Zukunft noch vor sich hat. Und „The Länd“ wird nicht untergehen. Die „Atomkraft? Nein danke!“-Aufkleber bleiben im Südwesten leider in vielen Haushalten am Kühlschrank.

 

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Dieser Artikel wurde 13 mal kommentiert

  1. Achim Koester Antworten

    Negative Zahlen und gewaltige Einbrüche in der Industrie, der Gewerbesteuer, wie auch die damit verbundenen Arbeitsplatzverluste haben den Wähler nicht davon abgehalten, Grün zu wählen. Die Versprechen von Özedemir haben etwas „Merziges“ an sich, man kann sie nicht ernst nehmen. Laut lachen musste ich über den Spruch Wirtschafts- und Klimapolitik seien kein Widerspruch. Daraus ergeben sich zwei Optionen:
    1. Er lügt bewusst, oder
    2. Er glaubt das wirklich.
    Sollte 2. der Fall sein, ist er absolut unfähig.

  2. gerd Antworten

    „Wenn ich kurz nachdenke: Mir fällt überhaupt kein Grund ein, warum man noch diese SPD wählen sollte.“

    Das sehen die Arbeiter in Baden-Württemberg ähnlich. Dort haben 37% die AfD gewählt.

  3. EH Antworten

    „aber warum treten all die anderen kleinen Parteien bei einer so engen Wahl überhaupt an, bei der ohne jeden Zweifel klar ist, dass sie viel Arbeit und Geld investieren, aber nicht den Hauch einer Chance beim Wahlvolk haben?“ Na ja, zunächst einmal haben sie keine Chance in den MEDIEN und kommen dort so gut wie nicht vor. Ein großes Defizit. Und vielleicht hapert es auch hier und da mit der Öffentlichkeitsarbeit. Die WerteUnion hat ja eine nette Website. Aber sie taucht gefühlt kaum in den Massenmedien auf.
    Rein rechnerisch wäre es ja evtl. auch nicht unintelligent, wenn sich kleine Parteien zusammenschließen würden, um die 5 Prozent zu schaffen. So rein logisch betrachtet.

    • gerd Antworten

      Die neue Logik: Wer schwarz wählt bekommt Rot oder Grün. Wer Grün wählt bekommt Schwarz oder Rot. Wer Rot wählt bekommt Schwarz oder Grün.

  4. Eva Antworten

    Zur Wahl in Ba-Wü: Die Beamten haben wieder einmal gesiegt, siehe Wahlstatistik. Der moderne Staat ist weder eine Beute der Unternehmer noch der Arbeiter, wie Marx irrlichterte, sondern eine Beute der Beamten. Sie sitzen in den Parlamenten, sie verabschieden die Gesetze, sie erneuern sich immer selbst. Vilfredo Pareto hat das Prinzip der Machterhaltung schon vor über 100 Jahren emotionslos festgestellt. Die regierende Schicht erneuert und ergänzt sich selbst durch Integration derjenigen, die zur Schicht dazustoßen. Früher war es der Adel, heute sind es die Beamten.

  5. Günther M. Antworten

    Wo ist hier diese Passage zu finden, oder ist die gelöscht?

    „Der Wiege des Automobils in Untertürkheim und Sindelfingen werde es nun ergehen „wie Detroit“, schreibt ernsthaft einer im Forum meines Blogs.“

    Quelle – KELLE HOME – 9. März, 2026
    Titel:
    „Es fährt ein Zug nach nirgendwo… Zeit, Abschied von der FDP zu nehmen“

    • gerd Antworten

      Das sind doch nur Untergangspropheten….Kernvokabular der AfD……

      Die Gesamtschulden bei Mercedes, eine der Wiegen des Automobilbaus in Sindelfingen werden aktuell auf 87,8 Milliarden Euro beziffert. Rums!

      • Günther M. Antworten

        Mir geht es darum – hier vergleicht kein Kommentator Untertürkheim und Sindelfingen mit Detroit.

  6. Teide Antworten

    So, wie die Wahl in Baden-Württemberg ausgegangen ist, ist die Wahrscheinlichkeit groß, daß Manuel Hagel als gedemütigter Juniorpartner mit siegesbesoffenen Leuten kooperieren wird, die ihn als Pädophilen angegangen haben. Viel Spaß.
    Bye, bye, BW.

  7. Dr. Hildegard Königs-Albrecht Antworten

    Außer bei den Themen „Kriminalität und Migration“ konnte die AfD bei den Arbeitnehmern Stimmen dazu gewinnen. Denn die beiden Wahlgewinner und Koalitionäre haben die Wirtschaft außen vor gelassen, Die Grünen, weil sie Wirtschaft abwickeln wollen und die Schwarzen, weil sie einen mutlosen und ziellosen Wahlkampf geführt haben.

    • gerd Antworten

      Man muss aber auch der CDU etwas Verständnis entgegenbringen. Es gab mal eine Zeit wo sich die Union den Juniorpartner ausgesucht hat…..

    • Günther M. Antworten

      Tja – der Heimathafen alter Leutchen verlandet, versandet, verschlammt langsam aber sicher; da helfen auch die Versuche eines Blogbetreibers, mittels eines von seinen Mitgesellschaftern bereitgestellten Minibaggers eine Fahrrinne freizuhalten, nichts.

  8. H.K. Antworten

    Die Grün*/-/:/_/•/Innen kämpfen mit allen Mitteln.

    Und die CDU ist zu blau-äugig – in jeglicher Hinsicht.

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