Gestern Abend war ich eingeladen zu einer evangelischen Andacht zum Reformationstag. In einer kleinen Gemeinde am nördlichen Stadtrand Berlins, wo es tatsächlich noch etwas anderes gibt als „Allahu Akbar“ und Straßenkrawalle. Wir saßen im Garten der Gemeinde, direkt am „Heiligensee“, den es wirklich gibt. Irgendwie passend der Name, wenn Christen zusammenkommen.
60 bis 70 waren es ungefähr, außerdem ein zehnköpfiges Bläserensemble und zehn Feuerwehrleute, denn nach der Andacht sollte ein Lagerfeuer entzündet werden, und in Deutschland ist sowas ein Verwaltungsvorgang.
Erinnern Sie sich noch, als Sie jung waren? Wenn wir ein Feuer machen wollten, sammelten wir Holz, schichteten es auf, Spiritus drüber, Streichholz und fertig.
Heute wissen wir, es ist gefährlich.
Und Spiritus geht schon mal gar nicht. Wenn flüssiger Anzünder, dann auch Bio, mit gereinigtem Petroleum oder Paraffinöl. Seit einigen Jahren gibt es auch ökologische Alternativen auf Basis von Pflanzenölen (wie Raps- oder Sonnenblumenöl), habe ich gelesen. Auf jeden Fall: Feuer im Garten? Amt informieren, Feuerwehr bestellen!
Später, als das Feuer schon loderte und alle drumherum standen, entdeckte ich, dass die Feuerwehr zwei Löschschläuche ausgelegt und mit irgendeiner Wasserquelle verbunden hatte. Dieses Deutschland ist einzigartig.
Es passierte natürlich nichts
Die Andacht zum Reformationstag war nett, es wurde gesungen, „ein feste Burg ist unser Gott“, das bekannte Kirchenlied von Martin Luther höchstselbst irgendwann im 16. Jahrhundert geschrieben. Ich hatte es seit über 40 Jahren nicht mehr gesungen, weil ich ja Anfang der 90er rübergemacht hatte von der EKD-Kirche zur römisch-katholischen, und es – ehrlich gesagt – bis heute nicht bereut habe.
„Denn wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen“, hat Jesus Christus selbst in einer Ansprache vor seinen Jünger mal gesagt, nachzulesen bei Matthäus 18,20.
Das ist unmissverständlich, oder? Und so freute ich mich, im Kreise der protestantischen Brüder und Schwestern dabei zu sein, und fühlte mich wohl.
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Ein großes Kreuz aus Kerzenlichtern war auf dem Rasen ausgebreitet worden, in einer Baumkrone hingen bunte Glühbirnen. Es gab Glühwein und Schmalzstullen (kostenlos) und heiße Kürbissuppe, 3 Euro für einen Teller. Lecker. Nur, dass der Pastor sich einen kleinen Seitenhieb nicht verkneifen konnte, war ein kleiner Misston. Er beschrieb, dass Luther die lateinische Messe einst ins Deutsche übersetzt hatte, damit die Leute das auch verstehen, was passiert. Die katholische Kirche habe dann 450 Jahre später nachgezogen. Da brauche man halt ein wenig länger für Reformen.
Dass das despektierlich klang, fiel ihm dann selbst auf
Und er ruderte zurück. Eigentlich bewundere er die katholische Kirche ein bisschen dafür, dass sie Reformen erst einmal längere Zeit überdenke und nicht auf jeden – meine Formulierung – Zeitgeist-Zug direkt aufspringe. Und ich dachte unwillkürlich, warum bist Du dann in einer EKD-Gemeinde? Aber Schwamm drüber, ich liebe die protestantischen Brüder und Schwestern, wir glauben an den einen Gott. Und das ist auch gut so, wie man in Berlin sagt.
Ich erzähle Ihnen das, weil ich am Abend darüber nachdachte, warum wir Deutschen heute nicht viel häufiger und in der Breite der Gesellschaft unsere Traditionen und Feste feiern.
Beim Reformationstag, beim Tag der Deutschen Einheit, beim Schützenfest oder am Volkstrauertag.
Es sind vorwiegend ältere Leute, die diese Tage noch feiern, die unsere Identität ausdrücken. Und, bevor wieder jemand lästert, ja, ich bin jetzt auch einer dieser älteren Leute.
Und ich habe mich als 30-Jähriger auch wenig darum gekümmert, wenn Erntedank gefeiert wurde. Bis ich dann vor einigen Jahren mal auf einem Bauernhof am Niederrhein unter freiem Himmer zu einer Messe war, wo allerlei bäuerliches Leben aufgebaut und natürlich anschließend auch gegrillt und Bier getrunken wurde. Was wir Deutsche halt früher so machten, bevor wir an CO2 und halal denken mussten.
Ich möchte Sie ermuntern, unsere Identität zu feiern, das was uns ausmacht, wofür man uns früher mal bewundert hat auf der ganzen Welt. Lassen wir uns das nicht aus den Händen nehmen!