Ich weiß nicht, ob es in der Geschichte der US-Republikaner schon einmal so einen Parteitag gegeben hat. Chaos von der ersten Minute an, Störer im Saal, Debatten und Anträge gegen den Spitzenkandidaten Donald Trump und gestern das. Der unterlegene Gegenkandidat Ted Cruz, Senator aus Texas, sorgte zur besten Sendezeit für einen Eklat, in dem er Trump offen die Unterstützung verweigerte. Der Kandidat um die Präsidentschaft saß derweil im Kreise seiner Familie und hörte mit versteinerter Miene zu. Die Delegierten buhten Cruz derweil lautstark aus, als er ihnen zurief, sie sollten „nach ihrem Gewissen wählen“.

Was lehrt uns das, auch wenn Deutsche gemeinhin anders ticken als Amerikaner?

1) Ein Nestbeschmutzer wird nicht geliebt von den Anhängern seiner Partei. Cruz hatte noch einmal die Show im Kasten, aber dass dieser Mann die Chance bekommt, in der Zukunft noch einmal Präsidentschaftskandidat der GOP zu werden, ist unvorstellbar.

2) Wähler wollen eine geschlossene Partei. Man kann um Köpfe und Programme streiten, aber eine Partei – Helmut Kohl hat das mal unnachahmlich gesagt – ist auch ein Stück weit eine politische Familie, in der man Geborgenheit unter Gleichgesinnten findet. Bei der Republikanischen Partei der Vereinigten Staaten ist davon derzeit nichts zu spüren.

3) Ein Kandidat, gedemütigt von seinen eigenen Parteifreunden ausgerechnet bei der Krönungsmesse, hat keine Chance mehr auf den Wahlsieg im November.

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Dieser Artikel wurde 13 mal kommentiert

  1. PeWi Antworten

    Das können wir noch gar nicht wissen. Die große schweigende Mehrheit, was denkt die? Die untere Mittelschicht mag Trump. Und was ist, wenn die Unterschicht, die zu kurz gekommenen oder diejenigen, die sich als Weiße fremd im Land fühlen zur Wahl gehen? In den USA gibt es eine starke White-Power-Bewegung. Was ist mit denen, die unter den Illegalen leiden oder denken, dass sie darunter leiden? Oder was ist mit dem Bibelgürtel? Wir hören nur, was wir hören sollen. Übrigens wäre eine Clinton ebenso schlecht für die USA wie ein Trump. Beide nehmen sich absolut nichts. Ich denke, dass alles offen ist. Es kommt darauf an, wer zur Wahl geht und wer zu Hause bleibt.

  2. S v B Antworten

    Die USA scheinen ohne Schmierentheater einfach nicht auszukommen. Wer erinnert sich nicht an den sich – im wahrsten Sinne des Wortes – unter der Gürtellinie abspielenden Skandal um die Clintons? So wie dieser, zudem noch öffentlich, breit getreten wurde, stellte er nicht nur für die Amerikaner eine Zumutung sondergleichen dar. Eine Dokusoap auf niedrigstem Level. Nun der Kampf eines, sagen wir mal, höchst eigenartig auftretenden, Kandidaten Trump gegen Frau Ex-Präsidentengattin Clinton. Ich finde es mehr als fragwürdig, wenn sich die Ehefrau eines früheren Präsidenten um das höchste Amt im Staate bewirbt. Dies Nachfolgemuster wurde nur noch durch die Kennedys getippt, wo es nachgerade eine dynastische Ausprägung annahm. Rose sei Dank. Demokratischen Feudalismus könnte man so etwas vielleicht nennen. Ein Vorschuss-Nobelpreis ist diesmal allerdings wohl für keinen der beiden Kandidaten zu erwarten. Mit Verlaub, ich kann dieses Land – auch aus anderen Gründen – nicht mehr recht ernst nehmen. Aber leider läuft Deutschland seinem großen, starken Bruder nur zu gerne nach.

  3. David Decker Antworten

    Ihr Kommentar zum Thema ist in sich schlüssig, und, auf Europa bezogen dürften Sie damit sogar richtig liegen, Herr Kelle! 🙂 — Allerdings sind die USA nicht Europa und unterscheiden sich doch vom hiesigen Parteienbetrieb erheblich. Will heißen: die Parteien selbst sind bei der eigentlichen Wahl im November nicht entscheidend, es hängt alles am Kandidat ab; totale Personalisierung. Hinzu kommt im Falle von Trump, dass dessen Anhänger und Fans dieser ganze Parteienzirkus komplett egal ist.

    Daher ist jede Voraussage zu dieser Wahl völliger Mumpitz, gerade auch von Europa aus über den großen Teich geblickt. Wir sollten uns da zurückhalten. Bei dieser Wahl ist alles möglich. Es hat nichts damit zu tun, dass ich irgendeinen der Kandidaten sympathischer fände oder nicht. (In Wahrheit finde ich beide total daneben.) Es geht am Ende nur darum, wer besser mobilisieren kann, und insbesondere wer bisherige Nichtwähler zurück an die Wahlurne bringt. Der Hauptwahlkampf beginnt erst. Wie gesagt, das Rennen ist völlig offen.

  4. Ralf Schmode Antworten

    Hallo, Herr Kelle,

    ich wünsche mir Trump nicht als Präsidenten, aber Mrs. Clinton hat in ihrer Laufbahn schon so oft gelogen, dass man überhaupt nicht sicher sein kann, ob sie nicht noch mit Anlauf über eine ihrer Lügen stolpert. Ich habe mich allerdings schon desöfteren gefragt, ob die Fähigkeit, mit einem eiskalten Grinsen im Gesicht zu lügen, im Umgang mit den Putins und Erdogans dieser Welt, dem chinesischen Politbüro, den iranischen Mullahs und den notorischen Dauerlügnern von Fatah und Hamas nicht wertvoller ist als die polternde Direktheit eines Donald Trump. Ich hätte als Kandidaten der GOP Senator Rubio favorisiert, aber dessen Zeit kommt vielleicht noch. Hoffen wir, dass dann der Schutthaufen von 15 Jahren außenpolitischer Indifferenz der Demokraten noch nicht unabtragbar hoch geworden ist.

    • Klaus Kelle Antworten

      Das freut mich, lieber Herr Schmode – ich habe auch auf Marco Rubio gesetzt (und mir sogar ein T-Shirt von seiner Kampagne gekauft). Hat aber nichts genützt. Ich fände es gut, wenn er in eineigen Jahren nochmal antritt.

  5. AR Göhring Antworten

    Das Ganze zeigt vor allem, wie zerrissen auch die westliche Führungsnation ist.
    Selbst in konservativen Kreisen ist jemand mit klarer Ansage wie Trump nicht sicher.
    Hoffentlich führt das nicht zum Sieg von Killary. Dann ist die Messe für die USa gelesen: Genderwahn, muslimische Massenmimigration, Terrorförderung, Wirtschaftsniedergang, Klimawahn,…..

  6. Stefan Winckler Antworten

    Es ist schon bezeichnend, dass sowohl Trump als auch Hillary Clinton ausgesprochen wenig beliebt bei den US-Amerikanern sind. In der Tat dürften die Chancen Trumps durch diesen Parteitag geringer geworden sein. Wie die Wahl auch immer ausgehen wird, Exekutive und Legislative werden sich teils blockieren, teils zu schwierigen Kompromissen durchringen. Keine besonders guten Aussichten.

  7. Wolfgang Antworten

    Ich denke auch, dass Trump keine Chance hat, aber nicht deswegen. Diesen Auftritt von Cruz kann er immer noch zu seinen Gunsten wenden. Auch die CDU hatte hierzulande mal einen, der es nicht so ganz verkraften konnte bei einer Wahl der Zweite gewesen zu sein. Sowas kommt vor und es stärkt eher die Position des Siegers.

  8. Alexander Droste Antworten

    Skandalpuplicity war doch schon oft ein Garant für den Erfolg. Nach dem Motto: Jetzt erst recht!

  9. Felix Becker Antworten

    Richtig Herr Kelle, so funktioniert Politik. Zunehmend auch bei uns.
    Wir in Deutschland sind viel „edler“. Bei uns kann ein beleidigter Journalist wegen 800,00€, die sich allerdings in Nichts auflösten, einen Bundespräsidenten stürzen, der ausweislich eines Gerichtsbeschlusses nichts getan hatte.

  10. Theodor Bicking Antworten

    Trump zu unterschätzen wäre ein Fehler. Als Unternehmer hat er gelernt Aufgaben an Fachleute zu delegieren. Anders geht es gar nicht. Das wird er als Präsident ebenso handhaben. Clinton kann das kaum besser. Zudem hat sie ebensowenig ein Programm vorzuweisen wie Trump. Beide sind inhaltlich substantiell eher schwach einzuschätzen. Wenn vom künftigen Präsidenten Entscheidungen getroffen werden müssen und wenn Mehrheiten gesucht werden, mit Hilfe der öffentlichen Meinung, wird es sich herausstellen mit wem wir es zu tun haben. Was also sind die deutschen Interessen, wie kann Deutschland profitieren?

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