Gestern Abend war ich zu einem Vortrag in ein Brauhaus in der Bonner Innenstadt eingeladen. Klasse Veranstaltung mit Studenten. Dabei waren auch drei katholische Priester, Ordensleute in Schwarz mit weißem Kragen, wie es sein sollte. Besucher, die draußen vor dem Lokal saßen, konnten es kaum fassen. „Sind Sie wirklich Priester?“ fragte ein junger Mann, der wohl dachte, es sei schon wieder Karneval. Eine Frau stand auf und wollte dem Schwarzgewandeten die Hand schütteln: „Das sieht man ja heutzutage gar nicht mehr in unserer Stadt.“ Alle Umstehenden waren begeistert angesichts der unerwarteten Erscheinung, der Begegnung mit einem erkennbaren Priester.

Früher waren zumindestens katholische Pfarrer immer auch an ihrer Kleidung für jeden erkenn- und ansprechbar. Warum hat sich das geändert? Wollen sie nicht von ihren Schäfchen auf offener Straße belästigt werden? Warum wollen sie nach dem Gottesdienst in der Sakristei schnell das Baumwollhemd überstreifen und in der Anonymität untertauchen?

Wenn man zum Beispiel in Rom unterwegs ist, sieht man an jeder Ecke Priester und Nonnen – im Straßencafè, im Bus, abends im Restaurant – immer sitzt da einer mit weißem Kragen. Und es ist gut. Warum also nicht auch in Deutschland?

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Dieser Artikel wurde 8 mal kommentiert

  1. Ruth Antworten

    Sehr geehrter Herr Kelle,
    nun ich bin gespannt, ob ein oder vielleicht mehrere Priester sich zu dieser Frage hier äußern?

    Vielleicht trauen sich nicht mehr viele Priester?

    Vielleicht gab es zu viele Priester, die sich – um es mal höflich auszudrücken – daneben benommen haben, ohne ernsthafte Konsequenzen seitens der Kirche. Damit meine ich den lieben Tebartz-van-Elst ebenso wie viele Priester, die ihre Position missbrauchten und an Kindern herumfummelten und schlimmeres. Alles wurde unter den Tisch gekehrt.

    Die Katholische Kirche ist zu einem Finanzimperium geworden. Allein die Erzdiözese Köln verfügt, ohne dass dabei tatsächlich alle Vermögenswerte erfasst wurden, auf über 3,4 Milliarden Euro. Finanzgenies innerhalb der Diözesen verlagern Vermögenswerte geschickt in Stiftungen, damit die Bilanzsummen nicht so hoch erscheinen.

    Gleichzeitig wird aber einer alten Rentnerin ein Umschlag mit mühsam zusammengesparten Geld abgeknöpft, damit der Herr Pfarrer für ihren verstorbenen Bruder eine Messe liest? Was nichts anderes ist, als während einer ganz normalen Messe, die der Pfarrer eh hält, eine Liste Namen von Verstorbenen herunterleiert. Ich habe mich schon oft gefragt, wohin wandern diese Umschläge dieser armen alten Leute.
    Ich musste oft mit ansehen, wie eben dieser Priester den treuen Glauben der alten Frau eiskalt ausnutzte. Hätte dieser Priester auch nur ein wenig Anstand gehabt, hätte er ihr den Umschlag zurück gegeben.

    Es nutzt nichts, wenn ein Priester in Schwarz und mit weissem Kragen erscheint. Es kommt darauf an wie jeder einzelne Priester wirklich denkt und handelt.

    Ich habe zum Glück auch das Gegenteil erlebt. Einen Prieser, der sich für seine Gemeinde ein Bein ausreisst. Der in alten ausgetretenen Schuhen herumläuft, der weisse Kragen schon lange abgewetzt ist, der sich von früh bis spät kümmert und sorgt. Dieser Priester fragt nicht, woher man kommt, ob man katholisch, evangelisch oder sonst was ist, auch interessiert es ihn nie, ob man Kirchensteuer zahlt oder nicht. Er ist einfach da, für jeden, für eine Familie in Not – ehrlich in Not und nicht die Sorte Sozialschmarotzer, von denen wir leider zu viel inzwischen haben. Er kümmert sich ebenso um alte, einsam gewordene Menschen ebenso, wie um Teenager im Flegelalter, oder um pflegebedürftige Menschen, die einfach nur ein wenig Ansprache brauchen. Er organisiert Nachmittage oder Zusammenkünfte, Weihnachts- und Osterbasare.

    Dieser Mann ist wichtiger für die Kirche als ein Bischof, der im Nobelschlitten mit Chauffeur vorfährt.

  2. colorado 07 Antworten

    Sie haben Recht, Herr Kelle! Priester müssen erkennbar sein, da sie ein Zeichen für die Anwesenheit Gottes in unserer Welt sind. Gerade in unserer zunehmend gottloseren Gesellschaft braucht es Menschen, die den Mut aufbringen, ihr Bekenntnis offen zu zeigen und nicht zu anonymisieren. Sie leben vor, dass auch ein Leben, das nicht mehr für alle Optionen offen íst, sondern sich endgültig für eine Option entschieden hat, glücklich sein kann.

  3. Alexander Droste Antworten

    Zivilpolizei läuft auch nicht in Uniform herum. Trotzdem übt sie ihre Schutzfunktion aus, auch nach Feierabend. Krankenschwestern laufen außerhalb ihrer Dienstzeiten in Zivil herum und retten bzw. versorgen auch dann Leute in Not. Richter und Staatsanwälte streifen sofort nach den Verhandlungen ihre Robe ab, so wie die Ärzte nach der Patientenbehandlung.

    Priester sind Menschen wie wir alle und möchten gerne auch mal etwas anderes denken als „schon wieder ein Schäfchen … “ und dennoch, ich kenne unseren Pfarrer und kann ihn jederzeit ansprechen für geistliche Fragen oder Seelsorge. Ich erkenne ihn sogar in Zivil.

    Wer seinen Glauben offen tragen und reklamieren will, kann dies völlig ungeniert tun: Kreuz an die Kette, Kutte an und los. Sogar Selbstgeißelung ist nicht verboten. Möchte man eine Monstranz vor sich hertragen, so spreche er es mit seiner Gemeindeobrigkeit ab. Wer von Ungläubigen, von Atheisten, von Andersgläubigen verspottet oder beschimpft wird, erträgt das mit Fassung und erhobenen Haupt seiner Überzeugung. Wer dafür angegriffen wird, wird (wenn es nach dem Gesetz geht) von Vater Staat beschützt.

    • Alexander Droste Antworten

      Okay, nicht wie jeder andere. Ich würde die Priester einreihen in die Berufsgruppe Kulturschaffende. Ob Musiker, bildende Künsler oder Literaten, sie alle benötigen keine Uniform. Seit Luther oder noch viel früher ist jeder Mensch sein eigener Priester. Jeder Mensch sucht seinen Weg zu Gott. Wenn er dabei eine Hilfestellung braucht, so kann ihm eventuell ein Priester helfen. Das ist gut. Helfen kann auch bestimmte Musik, die Kontemplation in der Natur oder die Inspiration durch gute Lektüre.
      Religion ist Sinnsuche: Woher komme ich, wohin gehe ich, was soll ich hier? Gott ist die Antwort und die findet man nicht unbedingt, weil da ein Priester mit Prunkgewand in einer schmucken Kirche geistreiche Dinge von sich gibt oder eine Zeremonie nach altägyptischer Tradition abhält.
      Die Erfahrungen aus der Sinnsuche und ihrer Ergebnisse wären eine wunderbare Basis interkulureller Begegnungen, wenn man sie nicht als Ideologie missbrauchen würde.

      • labrador12 Antworten

        Lieber Herr Droste,

        auf einiges mich irritierende hat colorado 07 weiter unten geantwortet.

        Ich greife einen Teil auf der fur mich ziemlich esoterisch klingt.

        „jeder Mensch sein eigener Priester“
        klingt fur mich sehr selbstbezogen!, nach Selbsterlosung und damit esoterisch. Das hat nach meinem verstandnis nicht das geringste mit dem „allgemeinen Priestertum zu tun“

  4. colorado 07 Antworten

    Sehr geehrter Herr Droste,
    Ihnen sei Ihre Meinung unbenommen. Sie argumentieren von einem anderen Standpunkt aus. Mein Standpunkt ist katholisch, und da ist der Priester eben etwas ganz anderes als aus Ihrer Sicht.

  5. Walter Lerche Antworten

    Mein erster Gedanke hierzu ist, dass dieses Thema nicht wirklich wichtig ist.
    Eine allein richtige Antwort darauf kann es gar nicht geben, weil Situationen und Beteiligte unterschiedlicher kaum sein können.
    Mein Tipp: Fragen Sie im konkreten Fall den Priester direkt!

    Pfarrer sind nicht nur Menschen, sondern sie sind Beamte, jedenfalls gilt für sie Beamtenrecht von A-Z. Sie sind Dienstleister. Nur solange sie ihren Dienst leisten, erfahren sie von den Leuten eine gewisse Anerkennung, nur solange sie funktionieren. Sie werden rund um die Uhr mit allen möglichen wichtigen und unwichtigen Anliegen angesprochen. Es ist respektlos, wenn jemand am Samstag um 22:30 Uhr den Pfarrer anruft, um mit ihm z.B. einen Tauftermin zu besprechen.
    Sie haben auch ein Recht auf Privatleben. Also ich würde mir die „Dienstuniform“ auch abstreifen, wenn ich das dürfte, so wie unsere Soldaten und Polizisten außerhalb der Dienstzeit auch.

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