Trotz meiner seit langem anwachsenden Abneigung gegen den öffentlich-rechtlichen Staatsfunk in Deutschland, höre ich an jedem Morgen WDR 2, wenn ich mit dem Auto unterwegs bin, um unsere Kinder zur Schule zu bringen. Die Musik gefällt mir, die Nachrichten sind in der Regel seriös und informativ, die Verkehrshinweise zuverlässig und wenn zwischendurch ein Witzeerzähler, die man heute ja in Deutschland „Komidiän“ nennt, zwei Minuten geistlose und absolut unwitzige Flachheiten erzählt, schalte ich halt auf einen anderen Sender. Heute Morgen hatte ich jedoch ein positives öffentlich-rechtliches Erlebnis. Beim Moderatorengespräch über US-Präsident Obamas Abschiedsbesuch in Deutschland fragte der Moderator, ob das persönliche Verhältnis zwischen Obama und Bundeskanzlerin Merkel in den gemeinsamen acht Jahren als Regierungschefs zweier der wichtigsten Länder dieser Welt eng und vertrauensvoll gewesen sei. Und der WDR-Experte für Amerika sagte tatsächlich: „Das weiß ich nicht.“ Hammer, oder? Das weiß ich nicht… einfach so.

Manch einer wird jetzt denken: Was ist denn an diesem Satz so besonders? Er weiß es halt nicht. So, wie sich die Königshaus-Berichterstatter der billigen, bunten Frauenzeitschriften Woche für Woche für Millionen Leserinnen etwas ausdenken müssen, um ihre Kundschaft zufriedenzustellen. Die Pressestelle im Buckingham-Palastes in London wird nicht dafür bezahlt, Informationen rauszugeben, sondern zu verhindern, dass die Leute erfahren, wie es wirklich so zugeht bei den Windsors. Und so schaut man sich in den Redaktionen an, was die Paparazzis so liefern und erfindet dann frei Geschichten dazu über Ehekrisen, vermeintliche Schwangerschaften und Saufgelage im Palast. Genau genommen ist DAS die wahre Lügenpresse.

Aber zurück zum Westdeutschen Rundfunk. Da gibt also ein Reporter auf die Frage des Moderators zu, dass er die Frage objektiv gar nicht beantworten kann. Staaten haben keine Freundschaften, sie haben Beziehungen und – außer Deutschland manchmal – echte Interessen, die sie vertreten. Woher soll ein Journalist wissen, was Obama und Merkel wirklich voneinander halten? Klar, die sehen sich, die umarmen sich, sie schauen mit ernster Miene auf die flatternden Nationalfahnen und stellen sich zum Gruppenfoto bei internationelen Konferenzen auf. Aber ein persönliches Verhältnis? Empathie gar? Merkel? Unwahrscheinlich…

Ich finde, Reporter sollten immer ehrlich sein und auch zugeben, wenn sie mal etwas nicht wissen. Das ist menschlich. Ich will keine Gestalten sehen wie diesen ARD-Korrespondenten, der nach dem Terroranschlag in einem Regionalzug nahe Würzburg einem Millionenpublikum mitteilte, was er eine Stunde vorher beim Bäcker an Gesprächen aufgefangen hat. Ich will Fakten, Fakten, Fakten! So, wie der großartige Kollege Helmut Markwort das als Focus-Chefredakteur mal öffentlichkeitswirksam formuliert hat. Und wenn mann nichts weiß, dann weiß man halt nichts.

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This article has 5 comments

  1. Andreas Reply

    Mir wūrde es schon mal weiterhelfen, wenn denn die Journalisten ihre Privatmeinung auch als solche kennzeichnen wūrden

  2. Alexander Droste Reply

    Herr Kelle auf Rosarote Wolke 7, weil einer was Belangloses nicht weiß und das auch zugibt, und der Boden ist unten und hart. Wichtiges wird dagegen umso vehementer unsachlich argumentiert.

    Also so gesehen sollten alle Experten-Journalisten zu jeder Frage „weiß ich nicht“ sagen. Alles, was wir in den Medien geboten bekommen, beruht doch auf Behauptungen, ist von egoistischen Interessen überlagert, ist Propaganda. Ist Putin beliebt bei den Russen? Weiß ich nicht. Ist Putin ein Bösewicht oder ein würdiger Gesprächspartner? Weiß ich nicht. Wollen die USA das einzige Imperium sein auf dieser Welt? Weiß ich nicht. Sind die USA die Nation, die als einzige eine würdige Weltpolizei darstellen? Weiß ich nicht. Ist Deutschland die größte Industriemacht Europas? Weiß ich nicht. Oder ist Deutschland ein besserwisserischer Despot in Europa? Weiß ich nicht. Werden in all diesen Kriegen die Freiheit verteidigt oder das Vorrecht auf Ressourcen? Weiß ich nicht. Wer macht eigentlich für wen die Politik? Weiß ich nicht. Je nachdem, woher der Wind weht, bekommt man das eine oder das andere Rauschen im Walde. Die Effekte sind dann von unmittelbarem Interesse argloser Bürger in Syrien, Libyen, Irak, Afghanistan, Mali und vielleicht auch bei uns.

    Wie ist das persönliche Verhältnis von Obama und Merkel? Eine Suggestivfrage im Dienste der Propaganda für ein deutsch-amerikanisches Bündnis. Dieser Journalist hätte ja eine hübsche Geschichte erfinden können. Das wäre ganz harmlos gewesen. Wie ist es zwischen Putin und Merkel? Wie zwischen Assad, F. Holland, Netanjahu, Erdogan, Kim Jon Un und Merkel? Sch…egal ist das. Die haben miteinander gearbeitet (lamentiert) an weiß der Himmel woran. Empathie egal! Persönliches Verhältnis egal! Ist es von gegenseitigem Respekt? Arbeitsklima! Man darf dabei auch mal höflich seine „andere“ Meinung kundtun. Darf man irgendwas drohend fordern, was einem nicht zusteht? Man darf sich was wünschen. Darüber wird dann verhandelt. Und das ist das einzige, was uns zu interessieren braucht.

  3. Uwe Monheimius Reply

    War doch ehrlich so.
    Der Journalist hat seine (bei anderen auch seltene..)
    freie Auffassung respektive Meinung gesagt.
    Was so verwundert offensichtlich ist, diese Seltenheit.

    Aber Helmut Schmidt, unser Kanzler, hatte im franz. Praesidenten auch einen …Freund.
    Und segelten gemeinsam f.d. Welt…

    Kann man sich aehnliches von Merkel vorstellen?

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