„ungeskriptet“ und der russische Botschafter – Stichwortgeber für Kreml-Narrative, sonst leider nichts
Zwei Podcaster sind derzeit das Maß aller Dinge in der öffentlichen Debatte in Deutschland. Der eine heißt Paul Ronzheimer, kommt von Springers BILD und hatte damit einen Startvorteil gegenüber allen anderen. Der andere heiß Benjamin „Ben“ Berndt, stammt aus Köln und wurde zu einem erfolgreichen Selfmade-Unternehmer, bevor er den deutschen Debattenraum eroberte.
Sein podcast „ungescripted“ war schon 2014 beim Publikum ein Knaller mit Hunderttausenden Abonnenten, der vordere Plätze in den Spotify- und Apple-Charts und siebenstellige Jahresumsätze generiert haben soll. Das Interview mit dem AfD-Flügelstürmer Björn Höcke im April dieses Jahres hob Ben und „ungescripted“ dann auf eine ganz andere Ebene.
Sechs Millionen Menschen schauten sich das Höcke interview ungeschnitten und unbearbeitet an, um sich eine eigene Meinung von dem zu bilden, was den ehemaligen Geschichtslehrer aus Westdeutschland, der heute in Thüringen schon Starkult innehat, weltanschaulich bewegt. Und wer Erfolg hat, bekommt Gegenwind.
Der Mainstream wurde auf Ben aufmerksam und kritisierte, dass der Mann seine Gesprächspartner einfach ausredem lässt, was ich persönlich als deutlich wohltuender empfinde als dieses Gekeife und Belehrungen der Fragensteller in Dauerschleife.
Die frühere Chefin der Kleinpartei SPD, Saskia Esken, ein Sympathiebolzen, der inzwischen etwas in Vergessenheit geraten ist, forderten, Bens Podcast zu boykottieren, was interessante Gesprächspartner bisher erkennbar nicht abschrecken konnte. Und wenn Bundeskanzler Friedrich Merz auf die Einladung zu „ungescripted nicht reagierte – Pech für ihn.
Tja, was soll ich sagen?
Ich habe mir gestern von Anfang bis Ende das Interview von Herrn Berndt mit dem russischen Botschafter Sergej Netschajew angehört, das mir geradezu schreiend in Ereinnerung rief, warum ich einmal Journalist geworden bin. Nicht einfach zuhören, wenn hanebüchener Unsinn unkommentiert – was noch ginge – aber ohne nachzufragen in die Welt rausgeblasen wird.
Sergej Netschajew ist ein Meister seines Fachs, ein Top-Diplomat, seit 20 Jahren in der DDR, dem vereinten Deutschland und zwischendurch in Österreich im Dienste seines Landes unterwegs.
Ein sympathischer Vertreter der Russischen Föderation – ja, das gibt es – der die Welt, wie sein Arbeitgeber sie sieht, bisweilen meisterhaft an Mann und Frau bringt. Zwischendurch hat mich Netschajew an den früheren US-Außenminister Henry Kissinger erinnert: Verbindlich im Ton, hart in der Sache. Fortiter in Re suaviter in Modo – ein Jesuitenparter namens Claudia Acquaviva hat den im 16. Jahrhundert aufgeschrieben, ich kenne diese Weisheit seit der Zeit meines Jurastudiums.



Ich werde mir das nicht anhören. Natürlich ist das alles Propaganda. Wie von allen. Außerdem 3 Stunden Gerede schaffe ich nicht. Nicht mal nebenbei. Aber das Format finde ich schon lustig. Für Berndt ist es gut, wenn er „umstrittene“ Interviewpartner hat. Die bringen Reichweite. Z.B. könnte Hape Kerkeling hingehen und sagen, warum die AfD verboten gehört. Das Schöne für jeden Interviewpartner ist, dass er ausführlich seine Logik entfalten kann. Außerdem kann er sich als sympathisch darstellen. Auch Merz könnte hingehen und sagen, warum er viel netter und besser ist als alle glauben. Es könnten Pro-Israel und Pro-Palästina-Leute hingehen und auf sympathische Weise ihre Sicht darstellen. Es wird auch Nachahmer geben. Wenn Berndt so erfolgreich mit Reden ist, werden das andere auch machen.
@Angelika,
Sie meinen, da müsste ein netter Hamas-Mörder sitzen dürfen und erklären dürfen, wie schade es ist, dass bis 1945 nicht alle Juden umgebracht worden sind?
Das Gespräch mit dem russischen Botschafter dauerte übrigens 1:06 h und war höchst interessant…
Der Sinn dieses Formates ist doch wohl, dass jeder SEINE Sicht der Dinge (incl. der unvermeidlichen Propaganda) ungefiltert transportieren soll. Darum KEINE Unterbrechungen und kritische Nach- bzw. Rückfragen.
Die Hörer sollen sich SELBST ein Bild machen (können).
Ich kann daran nichts Verkehrtes finden. Und „Einordnungen“ gibt es speziell zu DEM Thema inzwischen zuhauf. Und wie Angelika bereits ausführte, könnte auch der Kanzler oder viele andere prominente Leute dort 3 oder 4 h ganz ungefiltert seine/ihre Sicht darlegen.
@Johannes,
Einspruch Euer Ehren! Ich plädiere dafür, dass unterschieden wird zwischen Meinung und Fakten.
Natürlich soll jeder sagen dürfen, was er denkt, ohne öffentlich-rechtlich dauernd unterbrochen zu werden. D’accord!
Anders ist es bei offensichtlichen Lügen, wie in diesem Fall konkret die Behauptung des Botschafters, die russische Armee sei Anfang März 2022 umgekehrt vor Kiew, weil man mit der Ukraine über Frieden verhandeln wollte. Die sind umgekehrt, weil die Ukrainer bestens vorbereitet waren und den 60-Kilometer-Wurm ungeschützter russischer Panzerfahrzeuge in Stücke geschossen haben.
@Herrn Kelle
Bei der Unterscheidung zwischen Meinung und Fakten bin ich ganz bei Ihnen. Aber GENAU diese Differenzierung ist bei diesem Format nicht vorgesehen.
Man darf drauf losreden – ungebremst, uneingeschränkt und uneingeordnet. DAS ist der Sinn – ob es es sinnvoll ist, ist eine zweite Frage.
Lieber Klaus, ich lese hier schon eine ganze Weile mit. Deine sogenannten FAKTEN. Kannst du tatsächlich beschwören, dass diese Fakten zu 100% WAHR sind. Hast du das persönlich überprüft? Warst DU dabei? Hast DU es erlebt? Wenn du ehrlich bist, geht das gar nicht. DU entscheidest lediglich welcher Quelle du glaubst! Verstehst du das? Dein angebliches Wissen ist in Wahrheit reiner GLAUBE! Wir können nur WISSEN was wir tatsächlich selber erlebt haben. Und selbst das ist reine Interpretation.
Nach dem Höcke-Podcast war die Melanie Amann (ehemals DER SPIEGEL) beim Ben zu Gast und hat ihn mit ähnlichen Argumenten kritisiert, wie Herr Kelle hier vorbringt.
Sie hat dort von ihrem eigenen Höcke-Interview für den SPIEGEL gesprochen. Sie sei damals mit dem durch den Wald gewandert und ihm Fragen gestellt. Dann ist sie in die Redaktion zurückgefahren, hat mit Kollegen diskutiert, im Netz recherchiert und mehrere Quellen zu Höckes Aussagen gecheckt, etc. pp. und dann ihren Artikel geschrieben.
In einem live Gespräch funktioniert sowas aber halt nicht, wie die Frau Amann inzwischen in ihrem eingenen, katstrophal schlechten, Podcast Format feststellen dürfte.
Der Ben produziert keinen Journalimus, sondern er produziert die Quellen (die Journalisten dann überprüfen könnten). Er hatte auch mal den Vater des in Ungarn einsitzenden Antifa-Schlägers zu Gast und hat den uneingeordnet erzählen lassen, was für ein liebenswertes Kind er hat.