Für die CDU öffnet sich das Tor zur Hölle – und es war lange absehbar

Für Journalisten, die tagesaktuell arbeiten, ist es üblich, am Abend einer wichtigen Wahl nicht nur das Ergebnis zu vermelden, sondern auch eine erste Bewertung vorzunehmen. Das mache ich üblicherweise Zeit meines Journalistenlebens auch so. Gestern allerdings nicht.

Ich habe bis zum frühen Morgen gewartet, weil ich gedacht habe, da muss doch jetzt noch irgendwas kommen nach diesem Ergebnis in Sachsen-Anhalt. Und ich hatte gehofft, dass, wenn mein Wecker um 4.30 Uhr klingelt, die Meldung vom Rücktritt des Parteichefs und Bundeskanzlers Friedrich Merz bereits im Orbit kreist.

Doch nichts dergleichen

Anscheinend glaubt man in der verbliebenen CDU-Wagenburg, man könne das Wahldesaster mit einem Stimmenverlust von 19,9 Prozent irgendwie aussitzen und verkünden, dass es jetzt aber so richtig losgeht mit den Reformen in Berlin.

Das wird nicht passieren. Dieses Mal nicht, wahrscheinlich überhaupt nicht mehr.

Zeit meines Lebens habe ich mich als Christdemokrat verstanden, bis 2009 habe ich aus meiner Erinnerung nicht ein einziges Mal bei einer Wahl irgendwas anderes gewählt als die CDU oder die CSU. Mit Angela Merkel begann meine Entfremung von der einst großartigen Partei eines Konrad Adenauer und Helmut Kohl.

Viele von Ihnen kennen das vielleicht mit einer einstigen Liebe, die schwer enttäuscht wurde, die man sich aber dennoch eine Zeit lang nach der Trennung immer noch zurückwünscht. So war das lange auch bei mir und der CDU.

Und Anfang 2025 bei der Bundestagswahl habe ich mir – wie viele Freunde und Bekannte auch – noch mal ein Herz gefasst, die Faust in der Tasche geballt und im Wahllokal zweimal bei der CDU angekreuzt. Was für ein schlimmer Fehler.

Ich kannte den alten Friedrich Merz noch, den schneidigen Fraktionschef unter Helmut Kohl, den scharfen Debattenredner, der etwas von Wirtschaft versteht, finanziell unabhängig ist und ein klares Koordinatensystem hat, wo Deutschland steht – im Westen und besonders in Europa.

Man werde Deutschland innerhalb eines Jahres so zum Positiven verändern, dass es jeder Bürger merke, hat er versprochen. Und sparen werde man. Und, das Beste: „Links ist vorbei!“

Ja, das wäre schön gewesen

Aber Pustekuchen… Friedrich Merz ist als Parteivorsitzender und Bundeskanzler ein Totalausfall, wie ich mir das in meinen Alpträumen nicht hätte vorstellen können.

Ich will nicht so weit gehen, mir Angela Merkel zurückzuwünschen. Das wäre wirklich noch schlimmer, denn diese Frau hat Deutschland, unserem Land, mehr geschadet als jeder andere Regierungschef seit 1949.

Friedrich Merz dagegen hat das Haus selbst nicht angezündet, aber er ist als Feuerwehrmann zum Löschen des Brandes ausgerückt, ohne Wasser mitzubringen.

Ich glaube übrigens, das alles hat seinen Ursprung in der Sozialisation von Friedrich Merz in der Kohl-Ära. Der heutige (noch) CDU-Chef hat immer noch nicht kapiert, dass wir im Jahr 2026 nicht nur ein buntes Parteiensystem haben, sondern dass diese Gesellschaft insgesamt ganz anders tickt. Nicht nur, aber auch wesentlich den ostdeutschen Landsleuten geschuldet.

Die Bereitschaft zum Disruptiven ist hier vielleicht ausgeprägter als bei Donald Trump. Wenn man in Sachsen-Anhalt, Thüringen und Mecklenburg merkt, dass etwas in die ganz falsche Richtung läuft, dann begehrt man auf, dann schreit man es heraus.

Das bedeutet nicht, dass man immer die richtigen Schlüsse daraus zieht

Natürlich verstehe ich seit Langem, warum so viele Menschen inzwischen überall in Deutschland die AfD wählen, obwohl sie wissen, dass da nicht nur nette Volldemokraten am Werk sind. Aber die Einstufung „gesichert rechtsextrem“ durch den Verfassungsschutz schreckt augenscheinlich niemanden mehr ab, der sein Familienauto mit Benzin für 2,40 Euro pro Liter betanken muss und dessen Kinder auf den Schulhöfen von sogenannten Brennpunktschulen Schutzgeld an die Kinder arabischer Gäste dort zahlen, damit sie sicher nach Hause kommen.

Ich bin immer noch wirklich schockiert von einem Abendessen in Berlin vor fünf Jahren mit drei befreundeten hochrangigen CDU-Politikern und Wirtschaftsleuten. Damals stümperte die Ampelregierung von Olaf Scholz noch vor sich hin, und es roch nach Wechsel.

Während wir da beim Rotwein zusammensaßen, wurde eine halbe Stunde darüber gesprochen, dass man nach der Machtübernahme dringend an die Erbschaftssteuer ran müsse. Ich kaute an meinem Fleischstück und wagte nach etwa 20 Minuten zaghaft einzuwenden, dass das Thema Massenmigration entscheidend für die Zukunft Deutschlands sein werde. Und wissen Sie was? Die anderen drei lachten.

Nicht hämisch gegenüber dem dummen Amateur aus der Journaille, sondern eher mitleidig.

Die Flüchtlingswelle sei unter Kontrolle, das sei kein wahlentscheidendes Thema mehr.

Es war wirklich atemberaubend. Und ich habe in den vergangenen Jahren immer wieder an diesen Abend gedacht. Immer wieder auch versucht, zumindest einen feinen Gesprächsfaden zwischen Union und der rasant wachsenden AfD zu spinnen. Nicht mit dem völkischen Rand, nicht mit den Putin-Fanboys, aber mit den Abgeordneten und Mitgliedern, die kluge, ehrliche Patrioten sind.

Die Bereitschaft, miteinander zu reden, scheiterte immer an der Unionsseite

Bei der AfD fanden sich leicht Abgeordnete, die offen für eine Pizza-Connection nach dem schwarz-grünen Vorbild waren. Es scheiterte immer an den CDU-Politikern. Es gab welche, die mitgemacht hätten, aber fürchteten, dass man im Konrad-Adenauer-Haus oder in der Fraktion davon erfährt und dann die schöne Karriere dann gelaufen sei.

Gestern Abend hat sich für die CDU das Tor zur Hölle geöffnet

Mehr als die Hälfte der CDU-Wähler von vor fünf Jahren hat sich von der Partei abgewendet, die hier 24 Jahre meistens ganz ordentlich regiert hat. Und der Grund dafür ist nicht der arme Sven Schulze, den man jetzt zum Sündenbock machen will, sondern die „Brandmauer“-Strategie und die unterirdische Performance von Merz und seiner sogenannten Bundesregierung.

Den Bock des Tages leistete sich gestern Abend in einer ersten Reaktion vor Kameras die neue CDU-Generalsekretärin Franziska Hoppermann, als sie sagte, man werde das Wahlergebnis in Sachsen-Anhalt „nicht hinnehmen“. Hat die Frau den Schuss noch gehört? Will sie wie einst Merkel nach Thüringen eine Wahl „rückgängig machen“?

Aussitzen wird dieses Mal nicht gelingen

Denn nach dem Desaster ist vor dem Desaster.

In zwei Wochen finden Wahlen in Berlin und Mecklenburg-Vorpommern statt. Für die Abgeordnetenhauswahl in der Hauptstadt lag die CDU zuletzt auf Platz 4 mit 18 Prozent. Das dürfte nach gestern Abend nicht besser geworden sein. Und in MeckPomm bewegt sich die CDU zwischen 8 (Infratest dimap) und 10 (INSA) Prozent. Wie gesagt, das Tor zur Hölle ist weit offen. Ich schau jetzt mal schnell nach, ob Friedrich Merz noch im Amt ist…

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Dieser Artikel wurde 6 mal kommentiert

  1. Johannes Antworten

    Sven Schulze war wohl der Einzige, der der AfD zum Wahlsieg gratulierte und davon sprach, das Wahlergebnis sei Demokratie.

    Thorsten Frei sprach gestern bei Illner davon, dass die CDU einen Auftrag habe, wie der Welt zu lesen ist.

    „Den Regierungsauftrag habe jene Partei, die eine Mehrheit zusammenbringen könne. Welche das sein werde, sei „zur Stunde völlig unklar“. Also könnte Sven Schulze erneut eine Koalition anführen? „Ja, das kann er grundsätzlich“, entgegnete Frei irritierend selbstbewusst.“

    Ja, Merz hat die CDU inzwischen halbiert. Und mit Frei, hat er einen Fraktionschef, der da munter mitmacht.

    Auch seine neue (durchgrünte) CDU-Generalsekretärin Franziska Hoppermann, wird Hand in Hand mit Merz die CDU in ihrem Sinkflug beschleunigen. Die (Aus)Wahl dieser Dame war kein Versehen, sondern ist Teil der neuen, grünen, Programmatik der CDU.

    All dies kommt der AfD zu pass, die aber nun erstmals davor steht, politisch liefern zu müssen. Dazu drücke ich ihr alle Daumen. Und wer weiß: vielleicht heißt der künftige Innenminister von Sachsen-Anhalt, Hans Günter Maaßen.

  2. Teide Antworten

    Jetzt kann sich Schulze als geschäftsführender Ministerpräsident mit vier linken Parteien rumschlagen und die AfD kann zuschauen, wie sich die CDU zerlegt.

    Als Parteichef von Sachsen-Anhalt wird er zurücktreten. Als Ministerpräsident kann er nicht zurücktreten. So lange kein neuer Ministerpräsident gewählt ist, bleibt er es. Wenn er von vier mal links gewählt wird, muß er mit 15:29 Stimmen regieren. Die CDU als Erfüllungsgehilfe.
    Das zerreißt die CDU. Da gehen die Wähler nicht mit. Das zerstört die CDU. Zu Recht.

    Zu Merz braucht man nichts mehr sagen. Ich habe hier vor ein paar Tagen seine Versprechen von vor der Wahl gepostet. Nicht eines gehalten. Oft das Gegenteil beschlossen. Soll die CDU im Orkus der Geschichte verschwinden.

    Donald Trump postet die Hochrechnung. Elton Musk gratuliert der AfD. Die erkennen die Zeichen der Zeit.

    Ich gehe davon aus, das sich die CDU in Sachsen-Anhalt spaltet und drei oder vier Abgeordnete zur AfD überlaufen. Wenn nicht, ist auch egal. Dann wartet die AfD Neuwahlen ab.

  3. Franz R. Antworten

    Die CDU begeht aus Angst vor dem Tod gerade Selbstmord. Ich meine, es müsste doch mal angekommen sein, dass die cdu niemals der Liebling des ÖRR und der meisten Medien werden wird. Von dort wurde sie in die Wagenburg bzw. hinter die Brandmauer gedrängt. Es sind keine Personen erkennbar, die das noch aufhalten können.
    Übrigens wird die Basis der CDU auch von Wahl zu Wahl geringer. Mit dem Schrumpfen der Fraktionen nehmen ja nicht nur Politkarrieren ein Ende (nebst dem Tross der parlamentarischen Mitarbeiter, die ihren Job verlieren) auch die vom Steuerzahler zu entrichtende sog. Parteienfinanzierung (früher „Wahlkampfkostenerstattung“ genannt) schmilzt weg. Und das ist auch gut so.
    Denn die Wähler sind es einfach leid, von den Politikern beschimpft zu werden. Und wenn der große Friedrich, dessen Glaskinn in jedem Interview offenbar wird, die hart arbeitenden Bürger als larmoyant, faul, zu wenig und zu kurz arbeitend und zu krank diffamiert, dann kann man zwangslos nachvollziehen, warum in Sachsen-Anhalt die Gruppen der 35-59-jährigen und der Arbeiter, die mehr als die Hälfte ihres Einkommens abgeben „dürfen“, so genervt sind, dass die cdu von denen nicht mehr gewählt wird und die AfD vorne liegt.
    Mal schauen, wie das in zwei Wochen in Berlin und Meck-Pomm aussieht. Herr Holm hat nach dem gestrigen Abend gute Chancen, doch noch an den 40% zu kratzen und Herr Peters die 5%-Hürde zu unterschreiten.
    Berlin wird im dunkelrot-rot-grünen Chaos versinken. Herr Evers kann nach dem Wegner-Chaos nichts mehr ausrichten.

  4. Gerd Franken Antworten

    @Klaus Kelle

    Mein Vorschlag für die CDU in Sachsen Anhalt wäre: Sich ehrlich machen, das geht dazu braucht man allerdings Eier, dann vor die Kameras treten die Brandmauer für beendet erklären und das mit dem Wahlergebnis begründen. Immerhin fallen auf AfD und CDU aktuell 65,7% der Stimmen in diesem Bundesland. Wer es eindeutiger will, dem ist nicht zu helfen. Danach Ulrich Siegmund zum MP machen und mit ihm zusammen koalieren, ohne irgendwelche Bedingungen daran zu knüpfen und das alles glaubhaft unters Volk bringen. So wie es aussieht wird eine nicht unerhebliche Anzahl von Unionspolitikern, nicht mit der Linken zusammen einen MP der AfD verhindern wollen. Warum dann also nicht reinen Tisch machen, dann wird das auch mit dem Rücktritt von Merz klappen.

  5. Gerd Franken Antworten

    Wie man es in der Union nicht machen sollte, kann man exemplarisch an der neuen Kanzleramtschefin Warken und an Unionsfraktionschef Thorsten Frei sehen. Auf die Frage eines NTV Reporters an Warken wie hoch der Anteil der Bundespartei inc. Merz am desaströsen Wahlergebnis der CDU in SA wäre: Wir werden…..wir müssen…..bla bla bla…..Reformen……Bürgerinnen und Bürgeraussen……Beschlüsse……bla bla bla…..Unvereinbar……keine Zusammenarbeit…..ect. ect.
    Thorsten Frei: Wir werden genau analysieren…..bla bla bla……wir müssen nicht über den Kanzler sprechen……bla bla bla…..wir sind stabil….

    Nee, liebe Union, so wird das garantiert nix.

  6. Angelika Antworten

    Bis zu den Wahlen in MeckPom und Berlin wird gar nichts passieren. In MeckPom kommt die AfD auf ein gutes Ergebnis aber nicht so gut. Und in Berlin wird die AfD eine Partei unter fünf gleichwertigen sein.
    Möglicherweise tauschen CDU und SPD den Kanzler aus. Wer der Neue dann ist, wissen nur die Götter.
    In Sachsen-Anhalt kann die CDU gar nicht mit der AfD zusammenarbeiten. Dann hätten sie SPD, Grüne und Linke in allen Bundesländern und im Bund gegen sich. Dann ginge gar nichts mehr.
    Und wenn man den Umfragen glauben darf, sind auch die Restwähler der CDU absolut gegen eine Zusammenarbeit mit der AfD.

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