Nun also auch Hamburg. Deutschlands Metropolen wollen keine Olympischen Spiele ausrichten. Und fragt man die Bevölkerung, wollen sie vermutlich auch sonst nichts Großes mehr auf die Beine stellen. Großflughäfen? Großstadt-Bahnhöfe? Autobahn-Verlängerungen? Neue Startbahn am Flughafen? Deutschland sagt Nein, und das sagt viel aus über die Entwicklung einer Gesellschaft und eines Landes, das früher die ganze Welt mit seiner Organisationsfähigkeit begeistert hat. Das Sommermärchen 2006 – egal, wie es nach Deutschland gekommen ist – war wohl für lange Zeit das letzte Großprojekt, das noch möglich war.

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Dieser Artikel wurde 16 mal kommentiert

  1. Uwe_aus_DO Antworten

    Schon der Umgang mit dem Sommermärchen spricht doch für sich. Wieso ist das jetzt (auch wenn die Korruptionsvorwürfe sich bestätigen sollten) kein Sommermärchen mehr? Hatte man denen, die hier fröhlich gefeiert haben, heimlich was ins Bier gemischt? Waren die Spielergebnisse verkauft, alles nur Show? Eine große Zahl an Spielern gedopt, das ganze ein Wettbewerb der besseren Ärzte?

    Nein, alles nicht, das Ereignis war ebenso authentisch wie die Superstimmung, nur bei der Vergabe wurde möglicherweise nachgeholfen. Das ist nicht gut, wäre aber, wenn man die Gerücht um alle Fußballweltmeisterschaften nimmt, gar keine Überraschung, mehr noch: Wenn es den damaligen Akteuren gelungen sein sollte, „nur“ die jetzt in Rede stehenden Beträge ausgegeben zu haben, dann haben sie (verglichen mit den Zahlen, die bei den zukünftigen Wettbewerben in Russland und Katar gehandelt werden) preiswert eingekauft!

    Dann die ganzen anderen Vorwürfe, die rings um den Sport gerade erhoben werden. Der russische Leichtathletikverband suspendiert – wer hat Lust auf die olympischen Wettbewerbe der Pharmazeuten, Schummler und Chemiker?

    Hinzu kommt, da gebe ich Klaus Kelle absolut Recht, die deutsche Grundeinstellung. Natürlich wollen wir die Energiewende – aber niemand die Hochspannungsleitung. Wir fordern neue, bessere Verkehrswege – aber bitte in mindestens 5 km Abstand. Höhere Steuern – klar, für die anderen. Der Michel mutiert zu St. Florian.

  2. Rudolf Jahns Antworten

    Hamburg ist doch viel piefiger und spießiger als ich dachte. Schade… Da hatte ich mit mehr Größe gerechnet.

  3. Helmut Zilliken Antworten

    Kein Vertrauen mehr in politische Entscheidungen – letztendlich ist es eine solche. Deshalb auch das Ergebnis gegen die Spiele. Zudem: Die Kosten – welche auch immer das sein mögen – werden vom Steuerzahler bezahlt werden. Und die haben die Schnauze voll – gestrichen. Deshalb: Souverän hat entschieden – und das war gut so. Für 3-4 Wochen Sport Milliarden investieren – Kopf schüttel. (ja ich weiß, danach sind Sportstätten weiter benutzbar…)

    • Klaus Kelle Antworten

      So weit ich weiß, sollte ein ganz neuer Stadtteil entstehen. Wenn Sie sich anschauen, wie sehr London von den Olympischen Sommerspielen profitiert hat, hätte es es gewagt.

  4. Alexander Droste Antworten

    Wir haben doch ein Großprojekt. Der gesamte nahe Osten und Zentralafrika zu Gast in Deutschland.

  5. H. Eiteneier Antworten

    Dass die Hamburger angesichts der Sache mit dem Elb-Dings keinen Bock haben sich noch etwas aufzuhalsen, finde ich verständlich. Und was ist denn mit den tollen Projekten, die wir im ganzen Land so haben? Sagt uns BER irgendetwas? Wenn unser Staat derart irre handelt und nichts auf die Reihe bringt, ist ein Projekt wie die Olympischen Spiele nichts, was ich geplant und finanziert sehen möchte, denn unsere Behörden und die Politik erweisen sich doch ständig als die personifizierte Inkompetenz.
    Abgesehen davon hätte ich in Hamburg schon wegen des korrupten Haufens IOC gegen die Ausrichtung gestimmt. Solange es nicht endlich sauber zugeht, würde ich versuchen alles mir Mögliche zu tun, um so weit wie möglich zu verhindern, dass die hier Geld machen.

  6. Andreas Schneider Antworten

    Ich bin hin- und hergerissen.

    Olympiade in Deutschland? Das hätte mich gefreut! Zutrauen in die „zuständigen Stellen“, die damit verbundenen Herausforderungen zu bewältigen? Das eher nicht (mehr).

    Wie wollen diese widerstreitenen Empfindungen zusammen kommen? Allzu deutlich führt der Alltag vor Augen, dass es nicht einmal Großprojekte sein müssen, die auf die Beine zu stellen man offenkundig nicht mehr in der Lage ist.

    „Mein“ Paradefall ist der Neubau der 2012 durch einen Brand zerstörten Brücke der A57 über einen Feldweg bei Nievenheim. In diesem Jahr hat man endlich begonnen, die ca. 50 m lange Notbrücke durch einen Neubau zu ersetzen. Den Bauschildern zufolge will man Ende 2018 diese Lappalie beendet haben.

    50 Meter über einen Feldweg! Und zeitgleich gehen Nachrichten um, die neue Rheinbrücke der A1 in Leverkusen, deren Bau noch nicht einmal begonnen wurde, solle 2023 fertig gestellt sein? Wie glaubwürdig kommt dies wohl herüber?

    Nein, Herr Kelle: ich bedaure das Hamburger „Nein“ zu Olympia. Es ist armselig! Aber ich habe volles Verständnis für die Bürger, die kein Vertrauen in die Umsetzung von Großprojekten aufzubringen vermögen. Können Sie das?

  7. Nini Antworten

    Olympiade in Deutschland? Ein Großprojekt, das mich jetzt gerade überfordert angesichts der Riesenprobleme, vor dem unser Land im Moment – und noch für lange Zeit steht. So werden auch die Hamburger gedacht haben, und ich kann sie verstehen. Das Sommermärchen war toll – aber es lässt sich eh nicht wiederholen.

  8. Felix Becker Antworten

    Die hinter „Made in Germany“ und der Erfindung der DIN-Normen stehende Weltsicht, Arbeits- und Leistungseinstellung haben Deutschland weltweit gute Positionen und Achtung gebracht. Modernere Normen (z.B. ISO) haben weniger geleistet (ich habe Berufserfahrung als Auditor – vor allem Mittelständler fühlen: der ganze Zertifizierungswahn ist mehr bremsende Last als Fortschritt).
    Für Tätigkeiten, die „früher“ Meister/praxiserfahrene Ingenieure erledigten, werden heute theoretisierende Vollakademiker eingesetzt. Bei Großbauten (z.B. Berliner Flughafen, Elbphilharmonie, Stuttgart 21, Autobahnbrücke BAB1) wird ein Management eingesetzt, dass durch unsere Bürokratie, Verwissenschaftlichung und Preiskampf handlungsunfähig gemacht wird.
    Da darf man sich nicht wundern, wenn die Bevölkerung „Großprojekten“ skeptisch gegenübersteht.

    • Andreas Schneider Antworten

      Die ehrliche Sicht eines Auditors – danke, Herr Becker!

      Sie bestätigen meine Erfahrungen.

  9. Bernd Helmut Minzenmay Antworten

    naja, jetzt macht mal die Hamburger nicht kleiner als sie sind: bei einer Wahlbeteiligung von unter 50% waren „unter dem Strich“, also da, wo zusammengerechnet wird, 75% entweder für die Olympischen Spiele, zumindest aber nicht dagegen. – Dass die notorischen Neinsager und ihre über Internet plus viel freie Zeit verfügende bürgerfeindliche Szene einen hohen Organisationsgrad haben, müssen wir hinnehmen – oder aber endlich aus unserer selbstgewählten Lethargie erwachen und aufhören, „schweigende Mehrheit“ zu spielen.

    • Klaus Kelle Antworten

      Und das gilt für viele Themen. Das vielgerühmte Bürgertum in Deutschland droht wieder einmal zu versagen. o.k., der nächste Urlaub in der Toskana muss organisisert werden. Das erfordert auch einigen Aufwand…

  10. heribert joppich Antworten

    ich war früher ein begeisterter Sportler und auch Sportfan. Heute sieht das anders aus. Ich mache noch Sport, aber Sportveranstaltungen interessieren mich nur noch am Rande. Warum: Doping, Bestechung, horrende Gehälter von Funktionären und Sportlern… . Die Kosten für Olympia sind seit Jahren unverantwortlich explodiert. Der Sport soll sich selbst finanzieren! Steuergelder sind hier nicht angebracht.
    Aus diesen Gründen kann ich die Entscheidung in Hamburg akzeptieren. Außerdem ist doch nicht gesagt, dass Hamburg den Zuschlag für Olympia erhalten hätte. Wir tun so, als ob das schon sicher gewesen wäre.

  11. Verena v. Buch Antworten

    Ich waere sehr fuer interessante Sportereignisse, wenn sie denn wirklich welche waeren. Es ist alles nur noch Geschaeftemacherei und endlos Party. Drogen und Mafia. Ich verstehe die Hamburger, dass sie auch mal ihre Ruhe vor neuen Baustellen haben wollen. Sie haben im Moment ja noch genug andere Sorgen. Lassen wir uns erst mal um die Menschen in Not kümmern, dass sie ein Dach über den Kopf bekommen oder Arbeit oder in Frieden in ihr eigenes Land zurückkehren können. Baustellen genug. Auch das ist im Moment eine olympische Disziplin.

  12. Tina Hansen Antworten

    Habe den Eintrag jetzt erst gelesen (bisschen viel um die Ohren im Moment) und stimme Ihnen ausnahmsweise nicht zu.
    D.h. ich stimme zu, dass es bedauerlich ist, dass die Olympischen Spiele nicht in Hamburg gelandet sind. Ich hätte anders abgestimmt.
    Aber „klein-klein“ sehe ich in diesem Land wirklich gar nicht.
    Deutschland hat sich entschlossen, den Nahen Osten und halb Zentralafrika, wenn ich mal einen Vorredner zitieren darf, hier aufzunehmen. Bedingungslos. Ohne gültige Pässe, ohne Drittstaatenregelung, ohne Sprachkurs-Verpflichtung, ohne Rückführungs-Vereinbarung für den Friedensfall, ohne ALLES. Wenn das nicht GROSS ist, weiß ich es auch nicht. Es könnte eventuell noch Größenwahn sein, aber klein ist es jedenfalls nicht.
    Deutschland zieht gerade in einen Krieg, den ich persönlich für gerecht erachte, auch wenn ich um jeden weinen werde, der dort für den Wahn einer gewissen Religion sterben wird. Deutschland hat sich zu diesem Einsatz entschlossen ohne Gezeter, ohne Friedensdemonstranten und MIT den Stimmen von Frau Käßmann und Herrn Gauck. Klein-klein mag ich das nicht finden.
    Selbst meine besten Freund*innen von SPON brachten jüngst eine Satire auf Leute, die meinen, man könne diesen Konflikt friedlich lösen.
    Ich schaue auf dieses Land und halte den Atem an.

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