GASTSPIEL JOSEF KRAUS: Hände weg von der Schulpflicht!

In Sachsen-Anhalt geht die Alternative für Deutschland (AfD) unter anderem mit der Forderung einer Abschaffung der Schulpflicht in die Landtagswahl vom 6. September. In ihrem kürzlich vorgestellten Regierungsprogramm kündigt sie an, den „Schulzwang“ durch eine „Bildungspflicht“ bzw. einen von den Eltern organisierten „Hausunterricht“ ersetzen zu wollen. Die AfD nimmt dabei Bezug auf die „Wahlfreiheit“ nach „österreichischem Modell“, wo solches möglich ist, allerdings nur von rund 0,3 Prozent der Eltern beansprucht wird.

Ob sich damit Stimmen gewinnen lassen, sei dahingestellt. Gelockt werden mit dieser Perspektive jedenfalls Eltern, denen die Indoktrination ihrer Kinder und ein überschießender Anteil von migrantischen Schülern zuwider sind. Solche Elternkritik ist legitim, sehr oft berechtigt, aber zumal: die Belastung der öffentlichen Schulen mit importierten Problemen wird damit nicht geringer. Im Gegenteil.

Nun könnte man den AfD-Vorstoß abtun als verfassungsrechtlich nicht umsetzbar. Denn erstens steht in der Verfassung (!) des Landes Sachsen-Anhalt in Artikel 25 (2): „Es besteht allgemeine Schulpflicht.“ Eine Änderung dieser Verfassung bedarf laut Artikel 78 (2) einer Zwei-Drittel-Mehrheit. Letztere wird die AfD mit Sicherheit nicht erreichen.

Dazu bräuchte sie ein Wahlergebnis von um die 60 Prozent. Gesetzt den theoretischen Fall, dass dies erreichbar wäre: Dann greift das Grundgesetz Artikel 7 (1) mit dem Passus: „Das gesamte Schulwesen steht unter der Aufsicht des Staates.“

Der Begriff „Schulpflicht“ kommt darin nicht vor, aber das Bundesverfassungsgericht (BVerfG) hat den Artikel 7 (1) mit Beschluss vom 29. April 2003 dahingehend ausgelegt: „Soziale Kompetenz im Umgang auch mit Andersdenkenden, gelebte Toleranz, Durchsetzungsvermögen und Selbstbehauptung einer von der Mehrheit abweichenden Überzeugung, können effektiver eingeübt werden, wenn Kontakte mit der Gesellschaft und den in ihr vertretenen unterschiedlichsten Auffassungen nicht nur gelegentlich stattfinden, sondern Teil einer mit dem regelmäßigen Schulbesuch verbundenen Alltagserfahrung sind.“

Wie auch immer: In der praktischen Umsetzung zieht eine Abschaffung der Schulpflicht gewaltige Probleme nach sich

Und eine solche Abschaffung annullierte die ideelle, die programmatische Begründung einer Schulpflicht, wie sie vor rund 200 Jahren in Deutschland kam. Eine solche Pflicht wurde eingeführt, um die Kinderarbeit einzuschränken und um Schulbildung einigermaßen vom sozialen Status der Eltern zu lösen.

Zurück zu den praktischen Problemen, auch zu den Folgeproblemen einer Abschaffung der Schulpflicht:

Erstens: Schule ist – siehe Urteil des BVerG – eben auch ein Ort des sozialen, kommunikativen Lernens in einer Gemeinschaft und damit Basis einer Erziehung zur Demokratie. Hausunterricht isoliert die Kinder. Das kann nicht durch Freizeitaktivitäten mit einer möglicherweise handverlesenen, kleinen Kinderschar wettgemacht werden.

Zweitens: Kein Elternpaar – auch kein Professorenpaar – kann einem Kind über die 5./6./7. Klasse hinaus fachlich das vermitteln, was Schule und Fachlehrer vermitteln können. Etwa zugleich in den Naturwissenschaften und Fremdsprachen. Eltern werden also darauf angewiesen sein, Privatlehrer zu beschäftigen oder Fachleute in anderen, ähnlich denkenden Familien anzuheuern. Dadurch wird Bildung eben tatsächlich vom Geldbeutel der Eltern oder von „Vitamin B“ abhängig.

Drittens: Würde tatsächlich massenhaft eine „Abstimmung mit den Füßen“ gegen die Schulpflicht stattfinden, dann blieben womöglich Klassen mit 100 Prozent Migrantenanteil zurück. Es wäre dies eine weitere Beförderung von Parallelgesellschaften.

Viertens: Die AfD stellt sich vor, dass Schüler im Hausunterricht alle Halbjahre „zentral“ getestet werden. In allen Fächern müsste das sein. Wer eine Ahnung hat, was zentrale Prüfungen zum Abschuss eines Gymnasiums oder einer Realschule an organisatorischem Aufwand bedeuten, kann hier nur die Hände über dem Kopf zusammenschlagen. Im Übrigen müssten im Sinne des Grundgesetzes („unter Aufsicht des Staates“) auch außerhalb dieser zentralen Prüfungen Kontrollen stattfinden. Ein aufgeblähter Aufsichtsapparat, den die AfD eigentlich abbauen will, wäre die Folge.

Fünftens eine rhetorische Frage: Wer kann ausschließen, dass mit einer Abschaffung der Schulpflicht die Moschee- und Koranschulen die Nutznießer sind?

Nein, es steht nicht gut um die – vormalige – Bildungsnation Deutschland.

Einer überbordenden Pseudoakademisierung stehen ein schleichender Tod der beruflichen Bildung sowie ein Fachkräftemangel gegenüber.

Die Abschaffung der Schulpflicht ist keine Abhilfe

Vielmehr ist es längt überfällig, dass der Abbau der schulischen Leistungsansprüche überwunden wird und dass es wieder ehrliche Zeugnisse gibt. Überfällig ist zudem eine strenge Kontrolle der Schulaufsicht, wenn – wie leider immer häufiger – Lehrer im Sinne von Gender, Trans, Sexualisierung, Klima und Co. indoktrinieren.

Und es ist eine Migrationspolitik gefragt, die die von ihr geschaffenen Probleme nicht den Schulen aufhalst.

Der Publizist Josef Kraus war zwischen 1987 und 2017 Präsident des Deutschen Lehrerverbandes. Er gilt als einer der profiliertesten und streitbarsten konservativen Bildungsexperten in Deutschland.

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Dieser Artikel wurde 9 mal kommentiert

  1. Gerd Franken Antworten

    „Überfällig ist zudem eine strenge Kontrolle der Schulaufsicht, wenn – wie leider immer häufiger – Lehrer im Sinne von Gender, Trans, Sexualisierung, Klima und Co. indoktrinieren.“

    Dann müsste die Überschrift logischerweise „Hände weg von unseren Kindern“ lauten.

  2. Johannes Antworten

    Das solche (unrealistischen) Vorschläge überhaupt aufkommen, zeigt m.E. die Verzweiflung über den Niedergang des schulischen Bildungssystems. Wie plausibel dargelegt, reicht selbst die Bildungskompetenz von Akademikern nicht aus, ein Bildungsniveau bis zum Realschulabschluss, geschweige denn Gymnasium zu gewährleisten.

    Obwohl selbst recht AfD-affin; dieses Wahlkampfthema halte ich für verfehlt und unrealistisch.

    Aber es zieht natürlich- v.a. dort, wo „der Staat“ inzwischen- und leider auch zurecht – in Teilen als Bedrohlich für ein freiheitliches Leben angesehen wird.

    Das Thema wird durch die Realität schnell einkassiert werden.

  3. H.K. Antworten

    Angesichts der allgegenwärtig zunehmenden Ideologisierung in den Schulen ( und Kindergärten ! ) – erinnern wir uns sicher an die Worte des vorigen Bundeskanzlers „Wir müssen die Lufthoheit über die Kinderbetten bekommen“.

    Die dort stattfindende links-grün-woke Indoktrination lässt Verständnis für den Vorschlag aus Sachsen-Anhalt aufkommen.

    Allererdings stellt sich die Frage, wenn heute schon ein Großteil der Schüler ( ja, auch der Schülerinnen ) weder richtig lesen noch schreiben, geschweige denn rechnen können, wie es dann wohl in sagen wir fünf oder zehn Jahren mit der aplatzierung Deutschlands in der Pisa-Studie aussehen dürfte.

    Abgesehen davon: wenn schon heute viele Eltern ( zu Recht ) über zu hohe Kosten im Allgemeinen klagen, wie die denn wohl einen „Hauslehrer“ o.ä. organisieren ( und bezahlen ! ) wollen.

    Darüberhinaus dürfte sich das Ganze ähnlich gestalten wie bei der Führerscheinreform.

    Hobby-Fahrlehrer sollen Einsteigern das Fahren beibringen ?

    Wenn das mal gutgeht …

  4. Harald Antworten

    „… im Sinne von Gender, Trans, Sexualisierung, Klima und Co. indoktrinieren.“

    Was bin ich froh, dass zu meiner Schulzeit in den 1980ern all diese Themen noch nicht so polarisiert aufgeladen waren. Auch da gab es Sexualkundeunterricht und schon in der Mittel-, später nochmal in der Oberstufe wurde sogar (böse, böse!) Homo-, Bi- und sogar Transsexualität thematisiert. Und im Chemieunterricht haben wir die Auswirkungen von CO2 auf das Klima gelernt.

    Heute würden da einige Eltern wahrscheinlich gleich hektisch eine Elternbeiratskonferenz einberufen wollen um dieser „Indoktrination“ Einhalt zu gebieten. Mal sehen, wann die Evolution unter die Anti-Woke-Räder kommt und verlangt wird, man solle ihr in Biologie auch den Kreationismus gegenüberstellen.

    Die Anti-Wokesness steht in ihrer Radikalität der Wokesness in nichts mehr nach. Im Gegenteil.

    Ansonsten soll die AfD mal ruhig machen mit ihrem Hausunterricht. Was man zu Corona scharf kritisierte und vehement ablehnte, soll jetzt Gesetz werden. Finde den Fehler. Oder eher noch die – sorry – Verarsche.

    Halbjährige zentrale Prüfungen? Nix da! Die Kleinen dürfen sich nach der 9., 10. und 13. direkt zu den Haupt-, Real- und Abiprüflingen setzen und dann mal sehen, ob sie durchkommen. Und wenn ja mit welcher Note.

    Und dann viel Erfolg mit der Ausbildungs- oder Studienplatzbewerbung. Aber hey: Da können Mami und Papi bestimmt auch wieder aushelfen. Gibt ja genügend Hobbyautoschrauber und bei Dr. Google finden sich bestimmt genügend „Experten“ oder Tutorials auf der YouTube-Universität, die zeigen, wie man das Kreuzband wieder zusammenflickt.

    Selbst ist der Mann.

    Und natürlich auch die Frau.

    Oder ist das jetzt auch schon wieder zu woke?

    • Dr. Hildegard Königs-Albrecht Antworten

      Ihre Befürchtungen, daß sich Eltern heute gegen Mainstream- Meinungen wie die Auswirkungen von CO2 oder den Wokismus zur Wehr setzen könnten, geht an der Realität vorbei. Die Themen „menschengemachter Klimawandel“ und Gender sind derart etabliert, daß jede Kritik im Sande verläuft.
      Im Schuldienst überwiegt grüne Ideologie, Eltern haben keine Chance dagegen anzugehen.
      Aus diesem Dilemma resultiert die Idee des Homeschoolings, das jedoch auch meiner Meinung nach keine Chance einer Umsetzung hat.
      Es bleiben nur Privatschulen, die dünn gesät und teuer sind. In der Vergangenheit versanken diese Schulen sogar im Mißbrauchsskandal wie die Odenwaldschule , deren Leiter nie zur Rechenschaft gezogen wurde.

  5. S v B Antworten

    Eine Abschaffung der Schulpflicht ist eine geradezu lächerliche, schlimmer noch hirnrissige Idee. Die Argumente kontra werden die pro immer um ein Vielfaches übertreffen. Aus dem Artikel ist mehr deutlich herauszulesen, dass der Verfasser, Josef Kraus, einer der „profiliertesten und streitbarsten, konservativen Bildungsexperten in Deutschland“ ist. Und einer der erfahrensten wohl auch. Kraus‘ Ausführungen ist – für mich jedenfalls – nichts hinzuzufügen. Manchmal muss man sich wirklich fragen, was „den Leuten“, ob Links oder Rechts, auf Dauer wohl noch an schrillen Geistesblitzen einfallen könnte… Räumt einfach mal gründlich auf im deutschen Schulwesen, und fertig is‘.

    • Dr. Hildegard Königs-Albrecht Antworten

      Wie soll das funktionieren, wenn in manchen Schulklassen mehr Migranten- als deutsche Kinder miteinander lernen? Kinder aus völlig anderen gesellschaftlichen Welten haben nicht nur Sprachprobleme, sie erfahren täglich zwei Welten, die gewohnte in der Familie und die des Gastlandes. Nur wenige kommen damit klar.

      Unser Schulsystem müsste total geändert werden. Wir bräuchten weniger Gymnasien aber viel mehr Hauptschulen. Die Idee, daß fast jedes Kind Abitur machen und studieren soll, hat zu einem Leistungsabfall sondergleichen und einer überflüssigen Akademikerschwemme geführt.
      Auch hier brauchte man eine Kettensäge, um das ideologische Gestrüpp der letzten Jahrzehnte zu roden. Aber weit und breit sieht man niemanden, der dazu fähig wäre.

      • S v B Antworten

        Damit, dass das Schulsystem total geändert werden muss, haben Sie wohl recht, liebe Frau Dr. Königs-Albrecht. Die. Basis für das Erlernen handwerklicher Berufe z. B., ist tim Grunde weggebrochen. Hier müsste zu allererst ein Neuaufbau erfolgen. Die seit etlichen Jahren zunehmende Tendenz hin zu einer generellen, wenn oft auch „etwas wässrigen“ Akademisierung von Ausbildungen und Berufen aller Arten war dem deutschen Bildungssystem sicher nicht zuträglich. Schon zu früheren Zeiten war das System im Grunde immer „durchlässig“, eröffnete guten Haupt- und Realschülern jede Möglichkeit, sich weiter zu bilden, wenn Interesse und Benotungen entsprechend ausfielen. Ein Beispiel aus meinem persönlichen Umfeld: mit dem nötigen Ehrgeiz konnte es schon vor etlichen Jahrzehnten geschehen, dass ein guter Haupt- bzw. Mittelschüler vielleicht zunächst eine Lehre in Handwerk, Industrie oder sonst wo absolvierte, danach sein Fachabitur machte, studierte, promovierte und schließlich bis in die oberste Führungsetage eines weltbekannten Unternehmens avancierte. Respekt! Wo wirklich ein Wille vorhanden war, hat sich meist auch ein entsprechender Weg aufgetan. Gerade heute dürfte dies noch eher zutreffen als jemals zuvor. Doch wenn sich ein Jungspund „voll cool“ vor mir im Sessel räkelt und, auf seinen Berufswunsch hin angesprochen, irgendwas von „Unternehmens- berater“, „krass“ und „Kohle“ murmelt, schalten meine Ohren automatisch auf Durchzug. Mit dem „alten“, aber verdienten Schul- und Ausbildungssystem ist Deutschland wirtschaftlich stark geworden. Warum darf es keine Rückkehr zu Bewährtem geben?

  6. Uriel Haim Antworten

    Ein Zweck heiligt die Mittel, so der Eindruck dieses Rohrkrepierers Abschaffung der Schulpflicht.
    Gegen die Rot/Grün/Woke Hydra hilft nur ein Abschlag der stinkenden Köpfe des Fisches und das Leistung = Lohn Prinzip. Ferner muß die Wirtschaft wieder in den Stand gesetzt werden Berufs- und Lebensperspektive zu bieten.

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