„Einen guten Journalisten erkennt man daran, dass er sich nicht gemein macht mit einer Sache – auch nicht mit einer guten Sache; dass er überall dabei ist, aber nirgendwo dazu gehört.“ Hanns Joachim Friedrichs, unvergessener Journalist und Tagesthemen-Moderator, der leider 1995 viel zu früh verstorben ist, hat diesen Satz gesagt, der über jedem Schreibtisch eines Redakteurs hängen sollte.

Heute Morgen, am ersten Fastensonntag, habe ich mal wieder jede Menge Breitseiten auf Facebook und in Mails an die Redaktion einstecken dürfen. Björn Höcke sei „ein Glücksfall“ und die AfD ein Segen für Deutschland, erfahre ich, unser Text über den Streit beim Parteitag der AfD in Baden-Württemberg sei nichtssagend. Ich selbst habe ja bekanntermaßen ein (CDU-)Parteibuch und dürfe eigentlich über die AfD gar nicht berichten. Wenigstens hat (noch) keiner geschrieben, dass ich von Goldman Sachs bezahlt werde. Immerhin. Aber der Tag ist noch lang.

Einer schrieb mir eben im Chat, er sei – wohl im Gegensatz zu mir – wenigstens „kein linksgrüner Bionade-Trinker!!“ Und ich solle mal auf TheGermanZ öffentlich schreiben, dass ich die Gleichstellung „bei Schwulen mit der klassischen Ehe“ unterstütze. Das schreibe ich nicht, weil jeder, der meine Texte liest, natürlich weiß, dass ich gegen die Gleichstellung homosexueller Lebensgemeinschaften mit der traditionellen Ehe aus Mann und Frau bin. Nicht weil ich Homosexuelle diskriminieren will, sondern weil ich die einzige Lebenspartnerschaft, aus der Kinder entstehen, weiter privilegieren will – so, wie es in unserem Grundgesetz Artikel 6 festgeschrieben steht.

Ich werde auch beschimpft von Leuten aus meiner eigenen Partei, wenn sie mal kurz ihre Klatschorgien für die Kanzlerin unterbrechen. Weil ich überhaupt über die AfD berichte, weil ich sie („so eine braune Partei“) sachlich behandle. Und überhaupt, weil ich gar nicht zu schätzen weiß, dass wir Hunderttausende Ingenieure und Atomwissenschaftler in Deutschland aufgenommen haben. Alles schön, ich habe mich an solche Zuschriften längst gewöhnt. So, wie auch meine Kollegen, die für das gleiche Publikum in der bürgerlichen Mitte schreiben. Sind übrigens inzwischen eine ganze Menge solcher Autoren in Deutschland.

Mein und unser Job ist es, die Dinge zu betrachten und darüber zu berichten. Und in Einzelfällen auch – klar erkennbar – zu kommentieren. Mich als „Bionade-trinkenden Linksgrünen“ zu bezeichnen, setzt schon ein erstaunliches Maß an Ignoranz und Verdrängung der Wirklichkeit voraus. Aber – und das ist das Entscheidende: Man darf in diesem Land Bionade trinken, man darf AfD wählen und übrigens CDU auch. Oder Martin Schulz und Frau Wagenknecht. Man darf sogar schwul sein, ohne sich dafür rechtfertigen zu müssen. Deutschland ist ein freies Land. Und ich hoffe sehr, dass es noch lange ein freies Land bleiben wird…

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Dieser Artikel wurde 8 mal kommentiert

  1. Michael Antworten

    Diese Aussage stammt ursprünglich nicht von Hanns Joachim Friedrichs, sondern von einem seiner Interviewpartner.

  2. Ruth Antworten

    Ein freies Land – schön wäre es Herr Kelle.

    Leider ist es aber so, dass, wenn man nur die leiseste Kritik an der Politik der GroKo äußert, man sofort in die Rechte Ecke gestellt wird, wenn nicht sogar als Nazi beschimpft wird. Freie Meinungsäußerung wird nur toleriert und von Focus, SPON etc. nicht zensiert, wenn diese Meinungsäußerung in das links-grüne Weltbild des jeweiligen Schreiberlings passt. Auch harmlose, noch so sachliche Kommentare werden nicht veröffentlich, wenn diese auch nur zum „denken“, zum nachdenken anregen.

    Demokratie ja, aber nur solange sie ins linke Weltbild passt. Wehe dem, der Herrn Trump nicht beschimpft, sondern das ein oder andere Dekret von ihm sogar für sinnvoll hält.
    Wehe dem, der zu erwähnen wagt, auch im AfD Wahlprogramm ist der ein oder andere Punkt, den dem wirklich umsetzen will.

    Freie Meinungsäußerung und Demokratie – ja die wünsche ich mir auch wieder, dazu ein freies Land, wo Mädchen und junge Frauen unbehelligt S-Bahn fahren können, und Straftaten nicht als Bagatellen abgetan werden.

    Und auch ich wünsche mir wieder gute Journalisten, die ihren Job ernst nehmen, die nachfragen, auch wenn es dem Interviewpartner unangenehm ist, die am Ball bleiben. Journalisten die rechecherieren statt voneinander abschreiben. Journalisten die über Fakten und Tatsachen berichten, und die Täter wie die Probleme beim Namen nennen und die eher ihren Lesern gegenüber korrekt sind als „polical correctness“ pflegen.

    In diesem Sinne, noch einen schönen Sonntag!

  3. colorado 07 Antworten

    Sehr geehrter Herr Kelle,
    Sie machen Ihre Sache gut und nehmen Ihre Journalistenpflicht sehr ernst. Sie lassen sich nicht politisch einbinden und fühlen sich der Wahrheit verpflichtet.
    Sie kämpfen für die Meinungsfreiheit und leben sie auch selbst.
    Dass Sie sich solchen unqualifizierten Angriffen aussetzen und nicht mit gleicher Münze zurückschlagen, ehrt Sie. Machen Sie weiter so! Wenn es nur mehr Journalisten Ihrer Qualität gäbe!

  4. Alexander Droste Antworten

    Ich wusste gar nicht, dass man links-grün ist, wenn man Bionade trinkt. Gibt es denn eine, die grün ist? Manchmal steht eine links von mir, meistens aber rechts, weil ich Rechtshänder bin. Ich mag Bionade, aber mit linken Ideologen habe ich wenig gemein. Also links-grüner Bionadetrinker ist ein Quatsch der besonderen Art.

    Naja, das mit der freien Meinungsäußerung endet, wenn man mit belegbaren Gegenargumenten kommt, gerne mal mit der Titulierung rechtspopulistisch, rechtsextrem, antisemitisch oder auch Verschwörungstheoretiker. Das sind ja die Lieblingsschlagwörter derjenigen, die andere mundtot machen wollen. Rufmord ist auch die feine Sache. Wird gerne gemacht heutzutage. Sind Sie, Herr Kelle, schon Verschwörungstheoretiker? Oder Antisemit? Noch nicht? Wunder.

    Wenn man gegen schwul ist, dann ist man schon mal Antisemit, gell? So oder so ähnlich. Wenn man gegen Kriegstreiberei ist, ist man Verschwörungstheoretiker und wenn man gegen Genderquatsch ist, ist man rechtsextrem.

    Prost, Herr Kelle. Ich wünsche Ihnen noch viele Abenteuer im Kabeljungle.

  5. Siegfried Simperl Antworten

    Die Medien werden oft als die vierte Macht im Staat beschrieben. Das ist nicht falsch. Denn eine Demokratie ist auf gute Journalisten angewiesen, die sich großes Können und ein umfassendes Wissen erworben haben. Nur sie sind in der Lage, aus der Informationslawine das Wichtige für den Leser herauszufiltern und die Mächtigen in der Politik zu beobachten und Fehlentwicklungen und politische Affären aufzudecken. Die Arbeit des Journalisten ist kein reiner Begabungsberuf, aber wenn eine gewisse Begabung für das Schreiben vorhanden ist, umso besser.

    Neugier, Streitlust und Rückgrat zeichen einen guten Journalisten aus. Sehr geehrter Herr Kelle,
    Sie machen Ihre Sache gut

  6. Walter Lerche Antworten

    Vorab, lieber Herr Kelle, ich ziele im Folgenden nicht auf Sie persönlich. Ich schließe mich den obigen Kommentaren an. Auch ich wünsche mir mehr von Ihnen. Mehr von Ihnen, Herr Kelle, in allen Medien, in jeder Sendung, in jeder Zeitung!

    2 bildhafte Gleichnisse zu Journalisten und Medien:

    Medien und deren Macher sind, bis auf wenige Ausnahmen, die „Schnittstelle“ der Mächtigen, vertreten durch Berufspolitiker, zum Volk. Dies gilt analog für Steuerberater und Juristen. Den Vertretern dieser „Schnittstellen“ vertraut die Staatsmacht so halbwegs. Zur Sicherheit wachen darüber deren beruflichen Verbände, die einen missliebigen Mitspieler ausgrenzen dürfen. Alles gut geregelt, niemand macht sich die Hände schmutzig.
    Das Wort „Schnittstellen“ hörte ich erstmalig von Fußball-Experten. Dort erfuhr ich, dass man gute Abwehr über intelligentes Spiel in die Schnittstellen überwinden kann. Und wer kennt nicht die Abwehrhaltung auf breiter Ebene, wenn es z.B. um Besitzstände geht.

    Die Meinungsvielfalt stelle ich mir wie eine große Anzahl Schafe vor. Auf dem ersten Blick laufen sie in einer großen Heerde. Schaut man genauer hin, dann laufen Gruppen links und andere rechts der Mitte. Und viele Schafe sind orientierungslos und laufen der Mitte hinterher. Und ständig passiert etwas, was für Unruhe sorgt und die Ordnung stört. Dann drohen viele Schafe zurückzubleiben und andere nach rechts oder links außen auszubrechen. Und dann ist da der Schäfer mit seinen Schäferhunden. Nein, die Journalisten sehe ich nicht in Person des Schäfers… Sie gehören auch nicht zu den Schafen… hm.. Die Schäferhunde zeigen sich, sie bellen laut, sie fangen Schafe wieder ein, sie beruhigen und erinnern die ganze Heerde, wohin die Richtung geht und bis wie weit sie von der Mitte abweichen dürfen. Sie sind das Sprachrohr des Schäfers.
    Dafür bekommen die Schäferhunde Lob, sie werden als sehr wichtig hoch angesehen und gutes Fressi gibt’s natürlich auch. Jedoch nicht so für die schwarzen Schafe unter den Schäferhunden.
    Warum es beim Kauf eines Autos einen honorigen Journalisten-Rabatt gibt?
    Ich gönne es ihnen. Ich möchte das auch.

    Als die gefilterte und manipulierte Berichterstattung der öffentlich-rechtlichen Medien zur fatalen Flüchtlingspolitik jeglichen Realismus sprengte, da sagte ein alter Schulfreund zu mir: „Die Journalisten in Deutschland sind die neuen Parteisekretäre.“ Er meinte damit die vergleichbare Agitation und Propaganda zu den damaligen SED-Parteisekretären. Weil damals in der DDR die Leute kaum Zeitung lasen und kaum Nachrichten schauten, weil sie den permanenten Inhalt schon kannten, sollten es die Parteisekretäre in den Betrieben richten, die Leute in die „richtige Richtung“ zu führen. Auch die benahmen sich wie Schäferhunde in Gefolgschaft ihres Herrn.

    Stets DABEI zu sein und NIEMALS dazugehören – Das wünsche ich mir zurück.
    Ihnen Herr Kelle und allen Journalisten mit diesem Prinzip gehören meine Hochachtung und Respekt. Sie können für den Niedergang der Qualität und den wachsenden Verruf Ihres Berufsstandes nichts. Der Krug geht solange zum Brunnen, bis er bricht, auch wenn wir es nicht mehr erleben sollten.

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