Ist die Türkei noch unser Verbündeter?

Wer Verbündete wie die Türkei hat, braucht keine Feinde mehr. Nachdem seit Tagen der NATO-Beitritt Schwedens und Finnlands durch Ankara blockiert wird, hat unser „Verbündeter“ am Bosporus eine neue bisher unvorstellbare Provokation gewagt. Zwei türkische Kampfjets drangen heute widerrechtlich in den griechischen Luftraum ein und näherten sich bis auf 2,5 Kilometer der nordöstlichen Hafenstadt Alexandroupolis. Dort unterhalten die amerikanischen Streitkräfte eine Basis, über die Kriegsgerät per Landweg binnen weniger Stunden an die Grenze der Ukraine transportiert werden kann. Ankara ist die US-griechische Kooperation ein Dorn im Auge – die USA umgehen damit den Seeweg über die Meerenge der Dardanellen und über den Bosporus.

Das Außenministerium in Athen sprach von einer «beispiellosen Verletzung der nationalen Souveränität». Es handele sich um eine «ganz klare Eskalation türkischer Provokationen».

Nun ist nicht neu, dass sich Türken und Griechen aus verschiedenen Gründen nicht allzu herzlich zugeneigt sind. Aber das aktuelle Verhalten Erdogans zeigt erneut, dass auf unseren NATO-Partner am Bosporus kein Verlass mehr ist. Aber warum?

Die Türkei ist Außengrenze der NATO zu Syrien und greift regelmäßig kurdische Stützpunkte dort an. Der Nahe Osten ist seine Jahren ein Pulverfass, und vor nicht allzulanger Zeit sind Kampfflugzeuge Russlands und der Türkei schon dort aneinander geraten.

Der Westen hat bisher in der Ukraine-Krise fest und geschlossen gegen den russischen Angriffskrieg in der Ukraine gestanden. Nun scheinen einzelne Partner einer eigenen Agenda zu folgen. Bei Ungarn ist das nachvollziehbar, bezieht das Land doch mehr als 90 Prozent seines Erdgases von Russland. Aber die Türkei? Ist das nur zocken um Vorteile, ist das „Basar-Mentalität“?  Oder wechselt die Türkei gerade die Seiten? Und wenn ja, wie reagiert die NATO angemessen darauf?

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Dieser Artikel wurde 6 mal kommentiert

  1. Tina Hansen Antworten

    „Erdogan räumt ein, dass die Türkei nicht in der Lage ist, auf Gas aus Russland zu verzichten
    Tayyip Erdogan sagte am Donnerstag, die Türkei könne sich nicht weigern, russisches Gas zu kaufen.
    Am 19. Mai traf der türkische Präsident Tayyip Erdogan mit Jugendlichen aus der Region zusammen und erklärte, die Türkei könne die diplomatischen und wirtschaftlichen Beziehungen zu Russland nicht abbrechen.
    Erdoğan erinnerte daran, dass die Türkei und Russland gemeinsam das Kernkraftwerk Akkuyu bauen, das in Kürze fertiggestellt werden soll und den türkischen Staat mit Strom versorgen wird.
    Erdogan sagte auch, dass die Türkei fünfzig Prozent ihres Gasbedarfs durch den Kauf dieser Energiequelle aus Russland deckt.
    Darüber hinaus hat Tayyip Erdogan öffentlich erklärt, dass die Türkei die Beziehungen zur Ukraine, die ebenfalls ein langjähriger Partner der Türkei ist, nicht abbrechen wird.“ (Quelle: Prospekt Mira)

    Gepostet von Alexander Droste, auf „Denken erwünscht“, 19.05.2022

  2. H.K. Antworten

    Die Türkei ist solange unser Verbündeter, solange es IHR, nein: solange es Herrn Erdogan nützt.

    Es glaubt doch niemand, daß die Türkei zu Beginn der Flüchtlingskrise den Deal mit der EU eingegangen wäre, wenn damit nicht für IHN ganz klare Vorteile verbunden gewesen wären.

    Und es glaubt auch niemand, daß er der NATO z.B. den Stützpunkt Incirlik kostenlos und altruistisch zur Verfügung gestellt hat.

    Ebensowenig glaubt jemand, daß die NATO keine strategischen Vorteile aus dem Bündnispartner Türkei zieht.

    was Herrn Erdogan jedoch gewaltig stinken dürfte, ist, daß z.B. die von niemandem gewählte EU-Kommissionspräsidentin der Ukraine quasi die Mitgliedschaft bereits angeboten und schon Aufbauhilfen in Mrd-Höhe zugesagt hat, obwohl sie das gar nicht kann.

    Und daß die Türkei dagegen seit Jahrzehnten in Bezug auf den EU-Beitritt ein ums andere Jahr immer wieder hingehalten wird, dürfte ihm ebenfalls gegen den Strich gehen.

    Nicht, daß ich für einen solchen Beitritt der Türkei wäre, aber dieses ständige und allerorten vorhandene zweierlei Maß, mit dem gemessen wird, ist für meine Wenigkeit nicht nachvollziehbar.

    Daß ein NATO-Bündnispartner Waffensystem bei Rußland kauft, sollte allerdings jedem zu denken geben.

    Die Türkei ist ein schönes Land – zum Urlaubmachen – und die Türken, die ich kenne, sind durchweg sehr nette Leute.
    Leider gibt es in diesem Land aber auch jede Menge „anderer“ Türken, und von denen möchte ich nicht unbedingt noch mehr hier haben.

    Aber: Auch bei der Türkei gilt: sich EINMAL auf die andere Seite des Tisches setzen.

  3. S v B Antworten

    Bemerkenswert, nachtgerade gewagt, dass im Artikel offenbar auch die Türkei als dem „Westen“ zugehörig betrachtet wird. Die Tatsache, dass die Türkei ein geostrategisch wichtiger Nato-Partner ist, bedeutet nicht zwangsläufig, dass das Land als westliches Land zu begreifen ist. Dafür dürfte es genügend Argumente und Beweise geben.

    @H.K.
    Dass Präsident Erdogan den bisweilen heißen Flirt der EU mit der Ukraine – von dem er annehmen muss, dass er schon bald zu einer Verlobung führen könnte – als extrem brüskierend für sich und sein Land empfinden muss, dürfte wohl jedem verständlich sein. Gut, dass neben Präsident Macron wenigstens auch Olaf Scholz in dieser Sache wieder einen kühlen Kopf bewahrt und die Hoffnungen der Ukrainer auf einen schnellen, „unbürokratischen“ Beitritt zur EU dämpft. Auch wenn die ukrainische Führung immer wieder trotzig auf eine Aufnahme im Schnellverfahren pocht. Wie ein zutiefst verletzter Herr Erdogan auf eine um einige Jahre vorgezogene Aufnahme der Ukraine in die EU reagierten würde, will man sich gar nicht erst vorstellen.

    • H.K. Antworten

      Liebe SvB,

      ob eine mögliche schnelle Aufnahme der Ukraine in die EU, die zumindest von „Madame Uschi“ offen zur Schau getragen und präferiert wird, eher der Absicht der Brüskierung der Türkei oder einfach sagen wir einmal: politisch kurzsichtiger Naivität entspringt, wage ich nicht zu beurteilen.

      Angesichts der Ergebnisse ihrer Arbeit in der Bundesregierung, zumindest als Verteidigungsministerin, dürfte eher letzteres zutreffen.

      Ich wage nicht zu beurteilen, wieviele Ukrainer*/-/:/_/Innen nach einer möglichen EU-Aufnahme ihr Glück im „goldenen Westen“ versuchen und speziell nach Deutschland übersiedeln würden.

      Ich könnte mir aber vorstellen, daß sie kulturell besser hierher passen, als weitere mindestens 3,4,5 Mio Türken durch die EU-Mitgliedschaft von Erdogan-Land, die sicher auch ein paar Dutzend Moscheen als Geschenk mitbrächten.

      Und wenn Herr Erdogan die Idee hat, seine Grenze wieder zu öffnen und zudem 2,3,4 Mio muslimische Flüchtlinge gen Westen in Marsch zu setzen, wird dieses Land endgültig „bunt“.

      Erinnert sich jemand dunkel an die Sendung von Anne Will mit u.a. Elmar Brok, der, gefragt, ob Deutschland/ die EU sich durch den Flüchtlingsdeal mit der Türkei erpressbar mache, mit voller Inbrunst antwortete „NEIN !! Auf KEINEN Fall !“

  4. S v B Antworten

    Kaum wage ich es auszusprechen, aber auch ich meine, dass das Vorpreschen v. d. Leyens einer, sorry, völligen diesbezüglichen Unbedarftheit entsprungen sein könnte. Anders ist eine solche Spontan-Einladung kaum vorstellbar, oder?

    Ich könnte mir sogar vorstellen, dass viele Ukrainer versuchen werden, sich schon jetzt in Deutschland dauerhaft anzusiedeln. Selbst nach einer Beendigung des Krieges. Die gegenwärtigen Regierungsparteien, allen voran die Innenministerin, animieren jetzt schon Ukrainer zur Arbeitsaufnahme, wenn mich nicht alles täuscht. Gesuche zur Erlangung eines Aufenthaltstitels könnten in vielen Fällen – insbesondere bei einem hohen Ausbildungsstand – durchaus wohlwollend beschieden werden. Wie integrationswillig ukrainische Staatsbürger im Allgemeinen sind, kann ich nicht beurteilen. Ob eine erhöhte Neigung zur Bildung von Parallelgesellschaften bestehen könnte, ist mir ebenfalls nicht bekannt.

    Dass eine entsprechend größere kulturelle und religiöse Nähe zu Osteuropäern bestehen wird als zu Angehörigen islamisch geprägter Gesellschaften kann indes angenommen, bzw. wohl vorausgesetzt werden.

    Elmar Brok? Ein begnadeter Politiker mit dem nötigen Weitblick. – Ja, warum schau’n Sie denn jetzt gerade so fassungslos drein, lieber H.K.?

    • H.K. Antworten

      „ … Elmar Brok? Ein begnadeter Politiker mit dem nötigen Weitblick. – Ja, warum schau’n Sie denn jetzt gerade so fassungslos drein, lieber H.K.?“

      Ich bin immer wieder zutiefst ( oder doch höchst ? ) erstaunt, wenn ich manche Aussagen mancher Politiker*/-/:/_/Innen aufnehme.

      Und wenn ich dann zuende gestaunt habe, frage ich mich, ob der-/ diejenige das tatsächlich ernst meint.

      Meist komme ich zu dem Ergebnis, daß unsere „Führungselite“ uns entweder für struntzdoohv hält oder aber, ob sie uns ganz einfach ver….. wollen und glauben, wir wären zu dämlich, es zu merken.

      Immer im Gedächtnis bleiben wird wohl die genannte Sendung mit Elmar Brok. Und natürlich der Auftritt von Gerhard Schröder im Wahlkampf in Rostock vor Jahren, als er sagte „Die Arbeitslosigkeit ist das größte Problem, liebe Genossinnen und Genossen. UND WIR WERDEN DAFÜR SORGEN, DASS DAS AUCH SO BLEIBT !!“

      Und das Volk jubelte …

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