Das „schönste Gesicht des Sozialismus“: Wie hätten wir uns an Katis Stelle verhalten?
Gestern Abend habe ich mir zweieinhalb Stunden lang auf HR eine Dokumentation über die Sportikone „Kati“ Witt angeschaut. Und es war keine Sekunde langweilig. Wenn Sie wissen, dass ich unsere Staatssendeanstalten für überflüssig halte und kaum einmal auch nur fünf Minuten in deren Programme reinschalte, und wenn Sie dann noch wissen, wie sehr ich den Sozialismus sowjetischer und damit DDR-Prägung verabscheue, dann verstehen Sie, wie sehr mich gleichzeitig das Leben dieser Frau Witt auch fesselt.
Denn Katarina ist die erfolgreichste Eiskunstläuferin der Geschichte und eine der bekanntesten deutschen Sportikonen weltweit. Im sozialistischen Teil Deutschlands legte sie eine beispiellose Karriere mit spektakulären Erfolgen bei Olympischen Spielen und Weltmeisterschaften hin. Bring‘ uns die Goldmedaille von Olympia, dann darfst du Kohle im kapitalistischen Ausland machen, hatten ihr die SED-Staatsbonzen versprochen – und Kati lieferte, und die DDR-Staatsspitze hielt ihr Wort.
Allerdings – es gibt ja immer ein paar Vorbehaltsklauseln bei solchen Leuten – 80 Prozent ihrer (Devisen-) Einnahmen auf weltweiten Tourneen mussten nach Ost-Berlin fließen, nur ein Fünftel durfte die Chemnitzerin behalten. Und ja, ich weiß, damals noch Karl-Marx-Stadt.
Sie alle kennen die beeindruckende Geschichte vom „schönsten Gesicht des Sozialismus“ (TIME Magazine)– ich natürlich auch.
Und ich weiß, dass sportlicher Erfolg auch politisch ist: das Ankuscheln an die Mächtigen, die einen fördern, das Hofieren. Das ist in Diktaturen etwas anderes als in freien Gesellschaften, dennoch funktioniert es ähnlich, im Westen nur subtiler. Denken Sie an die Besuche von Bundeskanzlerin Angela Merkel in der Umkleidekabine der deutschen Fußball-Nationalmannschaft.
Die Doku gestern beschäftigt mich noch heute
Nicht der sportliche Erfolg, der bei Witt unzweifelhaft gigantisch war, wie übrigens auch bei Claudia Pechstein. Das waren Ausnahmesportler, die das ramponierte Mauersystem namens DDR immer wieder weltweit zum Glänzen brachten. Aber wie weit passt man sich den Mächtigen und dem System an? Es gibt viele Beispiele in der Geschichte, auch in Deutschland, wenn Sie an die späteren Debatten über Leni Riefenstahl und Heinz Rühmann denken.
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Als die Mauer fiel, war Kati Witt plötzlich nicht mehr der Liebling der Massen, zumindest der jungen Ostdeutschen. Unvergessen das Pfeifkonzert beim Open-Air-„Friedenskonzert“ in Weißensee. Wenn der Wind sich dreht, dann pfeift er den einstigen umjubelten Lieblingen plötzlich auch mal eiskalt ins Gesicht.
Mir hat die Dokumentation gestern sehr gefallen – Staatsfunk hin oder her. Eine begeisternde Sportlerin, und sympathisch ist sie auch. Und wenn man mit 18 olympisches Gold nach Hause bringt und mit Honecker Sekt auf den Sozialismus trinken muss … was hätten wir damals in ihrer Situation getan?“



Wir bauen auf und tapezieren nicht mit
Wir sind sehr stolz auf Katarina Witt
Katarina!
Katarina!
Was born
Born in the G.D.R.
(Sandow [eine der „anderen“ Bands in der DDR], 1989, im Song „Born in the G.D.R.“)
Der „Stolz auf Katarina Witt“ war sarkastisch gemeint, wie der übrige Liedtext, und entsprach der Meinung, die ein Großteil der damaligen oppositionellen Jugend über Katarina Witt hatte. Ich auch.
(de.wikipedia.org/wiki/Born_in_the_G.D.R.)
Bei aller Euphorie sollte man nicht vergessen, dass die sportlichen Erfolge der Deutschen Doping Republik überwiegend mit unlauteren Mitteln erzielt wurden, das relativiert sie in meinen Augen.
Auch beim Eiskunstlauf?
@Ilse Jü
Kennen Sie eine einzige Disziplin, ob olympisch oder nicht, bei der in der DDR nicht systematisch gedopt wurde?