Als Journalist ist man naturgemäß viel in Sozialen Netzwerken unterwegs. Ich verbringe (zu) viel Zeit auf Facebook, aber es macht mir großen Spaß, andere Meinungen den eigenen Positionen gegenüberzustellen und mich in Diskussionen mit anderen klugen und schlagfertigen Leuten zu messen. Was mir auch gefällt, ist, dass man auf Facebook keine wichtigen Ereignisse verpasst – persönliche, wie zum Beispiel den Geburtstag von Freunden. Und auch historische. Maueröffnung, Mondlandung, Papst-Wahl – es gibt immer Menschen, die Fotos, Links und persönliche Gedanken zu wichtigen Jahrestagen posten und zur Diskussion stellen. Und wissen Sie, was mir eben auffiel? Heute ist der 17. Juni, der 62. Jahrestag des Volksaufstandes in der ehemaligen DDR. Und niemand, kein einziger unter meinen fast 2.000 Facebook-Verpartnerten – Ehe ist das ja bisher noch nicht – hat den 17. Juni 1953 auch nur erwähnt. Irre, oder? Einst ein nationaler Gedenktag mit Festveranstaltungen, Kranzniederlegungen und Politiker-Besuchen auf den Aussichtsplatzformen an der Bernauer Straße in Berlin, heute nicht einmal mehr eine knappe Erwähnung wert. Die Linken verdrängen es, weil es uns an das Totalversagen des real existierenden Sozialismus erinnert. Und die Rechten verdrängen es, weil Fotos russischer Panzer, die gegen Deutsche rollen, so gar nicht zum harmonisierenden Ölgemälde unseres neuen hippen Kreml-Kumpels Vladi passen. Faszinierend, wie Geschichte Stück für Stück ausradiert wird. Aber auch beängstigend….

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Dieser Artikel wurde 8 mal kommentiert

  1. Uwe_aus_DO Antworten

    Orwells Ministerium für Wahrheit arbeitet sehr erfolgreich, nicht nur beim 17. Juni.

  2. Gelinde Klemm Antworten

    Ich habe heute schon daran gedacht und kommentiert, wenn auch nicht im Internet, dieser Tag wäre besser weiterhin „Tag der deutschen Einheit“ geblieben, das hat einfach nur mit diesem Tag zu tun, den wir auch in der DDR zu würdigen wussten, jedenfalls Leute, die ein bisschen weiter dachten. Aber ich freue mich, dass die Einheit erreicht ist und bin dankbar darüber!

  3. Alexander Droste Antworten

    Sollte der 17. Juni nicht weiterhin Gedenktag bleiben? Ich habe ihn nicht vergessen sondern ihm gedacht. Allerdings nicht bei Fakebokk.

  4. Siegfried Kieselbach Antworten

    Guten Morgen Herr Kelle,
    auch ich war sehr enttäuscht, daß die RP, zumindest unter der Rubrik „Kalenderblatt“, das Thema nicht angesprochen hat. Die unseligen Zeiten von 1933-1945 hält man dem deutschen Volk dagegen bei jeder sich bietenden Gelegenheit vor.

  5. Felix Becker Antworten

    So ein Gedenken wäre ja irgendwie „unsympathisch“ – würde Unwohlsein erzeugen, wo doch „Die Linke“ als Nachfolger jener, die die Niederschlagung damals mit verursachten, heute sogar in Landesregierungen sitzen.

  6. Peter Hirth Antworten

    Danke, Herr Kelle, daß Sie uns alle erinnert haben. In der Tat, es ist traurig, wie schnell auch ich fast vergessen hätte. Wie Sie richtig sagen: Sollen sich bitte alle unsere Vorturner immer wieder daran reiben!

  7. Johannes Peerenboom, Kleve, Niersstr. 35 Antworten

    17.6. -vergessen- 90jähriger wird zu Recht wegen Nazi-Vergangheit angeklagt, wo bleibt Anklage der Mörder (über 1000 tote Flüchtlinge) an der Zonengrenze??? V e r g e s s e n?????

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