Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan lässt seine Kritiker verhaften, zuletzt 24 Journalisten. Wer das System von Korruption und Machtausübung am Bosporus beim Namen nennt, hat in der Türkei unter diesem Machthaber einen schweren Stand. Unvergessen, wie er friedliche Proteste niederknüppeln ließ. Unvergessen, wie er unabhängige Staatsanwälte und Polizeioffiziere versetzen ließ, die gegen Regierungsmitglieder ermittelten. Solches Vorgehen ist mit unseren Vorstellungen von Recht und Freiheit nicht vereinbar. Und wenn ich „unseren“ schreibe, meine ich damit nicht allein Deutschland, sondern den ganzen Westen. Auf vorsichtige Kritik der EU an seinem Vorgehen, sagte Erdogan jetzt, Brüssel solle sich „um seine eigenen Angelegenheiten kümmern“. Und es sei ihm egal, „ob die EU uns aufnimmt“.

Ich denke, das wäre jetzt eine gute Gelegenheit, ihm zu sagen, dass die EU genau das auch nicht tun wird. Dass die Türkei in ihrer Geamtheit kulturell nicht zu Europa passt, kann Jeder seit langem sehen, der mit offenen Augen durch die Welt geht. Das ist eine Erkenntnis, die durchaus schmerzliche Aspekte hat, ist doch die Türkei Deutschland in vielen Dingen über die Jahrzehnte ein guter Partner gewesen. Millionen türkischstämmige Menschen leben bei und mit uns, manche sind deutsche Staatsbürger geworden. Im Sommer zieht es viele Deutsche an die sonnigen Strände der Türkei. Döner Kebab ist hierzulande dabei, der urdeutschen Currywurst den Rang als beliebtestes Fastfood abzulaufen. Und doch, es passt nicht. Nicht aus kulturellen und religiösen Gründen, nicht aus dem unterschiedlichen Verständnis von Rechtsstaatlichkeit und Demokratie. Es gehört zur Fairness, dass man einem Partner sagt, wenn es vorbei ist – im Privatleben ebenso wie in der großen Politik. Es wäre schön, wenn die Türkei und Deutschland weiter Partner blieben. Wenn wir Geschäfte miteinander machen, uns austauschen und vielleicht auch die gemeinsamen Sicherheitsinteressen miteinander regeln. Aber Teil eines freiheitlichen Staatenbundes mit gemeinsamen Vorstellungen, Grundlagen und Werten? Ich denke, dieser Zug ist abgefahren.

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Dieser Artikel wurde 6 mal kommentiert

  1. Bärbel Kuhlmann Antworten

    Danke, das sehe ich schon seit einiger Zeit ebenso. Ich fürchte nur, dass diejenigen, die jetzt gerade dabei sind zehntausende als „rechtsradikal“ zu beschimpfen, weil sie ihre Sorgen und Ängste auf die Strasse tragen, eben das nicht sagen werden. Man möchte sich ein Hintertürchen offen halten und Erdogans Anhänger in unserem Land nicht verärgern.

  2. Jürgen Backhaus Antworten

    Der türkische Präsident wird weiterhin ein verläßlicher Verhandlungspartner der EU bleiben, zumindest was seine Person angeht, nicht unbedingt mit seinen Taten. Er wird versuchen seine Macht weiter auszubauen, um solange zu regieren wie er lebt . In den letzten Jahren hat er ja sein wahres Gesicht allzu oft gezeigt, das Gesicht eines Diktators. Auch das Militär, welches bisher in der Türkei die Machtübernahme von islamischen Herrschern erfolgreich verhindert hat, ist zu einer Gegenmaßnahme nicht mehr in der Lage. Erdogan hat die Spitzenmiltärs verhaftet oder gegen ihm ergebene Personen ausgetauscht. So lange er wirtschaftlichen Erfolg hat, wird eine Mehrheit der Bevölkerung hinter ihm stehen und erst die Augen öffnen wenn der Zug abgefahren ist. Von westlicher Seite darf die Türkei keinerlei wirtschaftliche Hilfen mehr erhalten und der Zugang zur EU muß mit allen Mitteln verhindert werden.

  3. Dirk von Ahlften Antworten

    Von Herrn Schultz, Vize-Praesident EU und lautstarker Befuerworter eines Beitrittes der Tuerkei in die EU, hoere ich gar nichts mehr. Heisst er die Massnahmen von Herrn Erdogan gut?
    Gruss Dirk von Ahlften

  4. MAVO Antworten

    Das, was Erdogans erstarktes Selbstbewußtsein nun präsentiert, war immer schon da! Es paßte jedoch nicht in die offizielle politische Darstellung einiger seiner hiesigen Verfechter, wie z.B. Claudia Roth. Außerdem ist die Türkei ein wichtiges Tor zum Orient und mögliche Militärstation der westlichen Welt. Wenn man sie dann auch nutzen darf!? Neben vielen arroganten Alleingängen des Herrn Erdogan hat er ja nun mit der Betonung auf den freundschaftlichen Schulterschluß zu seinem „Bruder“ Putin offen Farbe bekannt. Es liegt mir fern aus diesem Grund „die Türken“ zu verurteilen. Aber irgendwer hat diesen Mann doch wieder gewählt. Schon mal gut, dass nun zumindest ein anderer „europäischer Bruder“ nämlich Berlusconi aus dem Verkehr gezogen ist. Das wäre ein tolles Dreiergestirn. Obwohl dabei jeder seine individuellen, persönlichen Hintergründe pflegt. Ich fürchte, dass Einzige was uns bleibt, ist schwarzer Humor oder die Möglichkeit unsere Politiker mal zur Aufrichtigkeit zu nötigen. Sonst werden noch mehr -nicht vorhandene- Volksmeinungen auf der Straße laut, die man dann nicht mehr durch Verunglimpfungen zum Schweigen bringen kann.

  5. Dieter Krüll Antworten

    Sehr geehrter Herr Kelle,

    solange Erdogan in dieser Weise regiert, kann die Türkei nicht zur EU gehören.
    Leider teilt ein Teil der in Deutschland lebenden Türken seine Ansichten, wenn auch die Wahlbeteiligung der Auslandstürken erfreulich gering blieb. Die Deutsch-Türken hätten doch die Möglichkeit, unsere freiheitlich demokratische Rechtsordnung für gut zu finden. Aber wahrscheinlich lesen sie keine deutschen Zeitungen bzw. hören keinen deutschen Rundfunk/Fernsehen. Kein gutes Zeichen für die Integration!

    Dieter Krüll, Neuss

  6. Alexander Droste Antworten

    Ein Türkischer Bekannter von mir sagt dazu: Sultan Erdogan. Mehr braucht es dazu nicht. Erdogan schafft den säkularen, demokratischen Staat Türkei ab und die Mehrheit der Türken finden es (noch) gut, sie haben das so gewählt. Ein Zurück wird es so leicht nicht mehr geben, da, wie vernommen, Widerspruch gewaltsam unterdrückt wird.
    Für uns rückt der Kontakt zur Türkei damit weiter ab als bisher, schade. Es hat zum EU-Status gar nicht mehr so viel gefehlt.
    So gebe ich dem Sultan Recht: Europa soll sich um seine eigenen Angelegenheiten kümmern. Sollten die Türken als Volk doch lieber wieder demokratisch sein wollen und säkular, dann können sie gewiss mit unserer Zustimmung rechnen.

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